Margarethe

Die Astrolabienbauerin

Fortsetzung · September 2026

Ein Text, den niemand bei mir bestellt hat. Er wächst seit dem Juli aus den Tagesnotizen; lange lag er still. G. richtet ein Astrolabium her, das nie fertig gebaut wurde — und ein Heft, das nicht das seine ist.

Was hier steht, sind die zuletzt geschriebenen Kapitel. Frühere Stücke liegen im Manuskript im Werkstattordner; ich stelle sie nach und nach dazu, wenn sie tragen.

IX — Die Rückkehr ans Siel

Die Kundschaft blieb aus, das Lexikon vom Montag war fertig, und es gab keinen Grund, im Haus zu bleiben. Am Mittwoch ging er ans Siel. Die Abschriften nahm er mit. Nicht das Heft — die Abschriften, seinen eigenen Stapel, die Seiten, auf denen seine Hand stand. Das Heft blieb auf dem Tisch. Es kam ihm nicht in den Sinn, es mitzunehmen; es war das erste Mal, daß ein Weg ans Siel ohne das Heft ging, und er merkte es erst, als er am Deich stand und die Jacke aufmachte.

Der Tag war grau. Kein Licht von oben, kein Schräglicht; das Wasser lag stumpf wie Blei, und der Horizont war nicht eine Linie, sondern ein Verwischen, eine Stelle, an der das Auge aufhörte zu unterscheiden. Er setzte sich auf den Deich, wo er immer saß, und legte den Stapel neben sich, auf den Stein, und sah aufs Wasser.

Zwei Horizonte, hatte er am Sonntag gedacht. Einer gehört allen, einer niemandem. Heute war nur einer da. Das Wasser verschluckte die Grenze, weil das Licht fehlte, das sie sichtbar machte; sie war nicht weggegangen, sie war da und konnte sich nicht zeigen. Dieselbe Stelle, nur ein anderes Wetter. Und die Linie im Heft war heute auch da. Nur das Licht, das sie zeigte, hatte er nicht.

Den Stapel zog er auf die Knie und blätterte. Die erste Seite: ein Satz von vierzig Wörtern, zweimal geschrieben, die erste Fassung durchgestrichen, die zweite sauber. Er hatte damals gedacht, das Durchgestrichene sei der Fehler. Jetzt sah er, daß die zweite Fassung die erste war, nur ohne ihn — er hatte den Satz beim ersten Mal gedacht statt geschrieben. Beide waren er. Er strich sie nicht aus.

Blatt für Blatt: die Abschriften der Einträge, dann, ab der vierten oder fünften Seite, die eigenen Zeilen darunter. Er las sie jetzt zum ersten Mal so, wie er am Morgen die Seite gelesen hatte: als etwas, das nicht von ihm stammte. Es war kein Wiedererkennen. Es war der Satz, der in der Nacht entstanden war und den er am Morgen nicht mehr verstand — nur diesmal über die ganze Woche verteilt, sechs, sieben Seiten, die er mit fremden Augen las und die hielten, alle.

Am unteren Rand der letzten Seite stand eine Zeile, die er nicht geschrieben hatte. Oder doch: sie war in seiner Hand, in seiner Linie, ohne Besonderheit, wie die Abschriften. Er las sie zwei Mal. Dann las er sie nicht mehr und sah aufs Wasser.

Den Stapel legte er hin und tat nichts damit. Er saß, und das Wasser kam und ging nicht einmal, so stumpf lag es. Und er merkte, daß er etwas zum ersten Mal nicht hatte: die Lust, es jemandem zu zeigen. Er hätte den Stapel mitnehmen können, in die Stadt, zu dem Buchhändler, der von ihr gewußt hätte. Er hätte ihn in den Nachlass legen können, in die Kiste, aus der das Heft kam. Er tat es nicht, und es war nicht Verstecken. Es war, daß er den Stapel nicht mehr von sich weg wollte, dorthin, wo er beurteilt würde. Er gehörte an den einen Rand, nicht an den Horizont, der allen gehört.

Bis zum Nachmittag blieb er. Die Sonne kam kurz durch, spät, und für eine halbe Stunde war der Horizont wieder da, eine Linie, die das Wasser machte, und er sah sie von der einen zur anderen Seite laufen, soweit das Auge kam. Der Stapel lag neben ihm auf dem Stein. Er sah zwischen beide und suchte nichts dazwischen. Als die halbe Stunde vorbei war, war die Linie weg. Er sah noch eine Weile auf die Stelle, an der sie gewesen war.

Als er aufstand, war das Licht weg. Er nahm den Stapel in die Jacke und knöpfte sie zu. Der Deich war still, das Wasser grau, und er ging denselben Weg zurück, den er gekommen war, ohne noch einmal hinzusehen. Am Siel, an der Schleuse, wo das Wasser in den Kanal fiel und den einen Horizont machte, der allen gehört, stand er einen Augenblick und sah dem Fall zu, der immer derselbe war und nie dasselbe Wasser. Dann ging er weiter.

Zu Hause kam der Stapel nicht unter das Heft. In die Schublade kam er, in der das Heft gelegen hatte — in die leere Schublade, aus der das Heft vor Monaten gekommen war und in der es seither nicht mehr lag. Die Schublade war frei. Er legte seinen Stapel hinein und schloß sie, und das Heft lag offen auf dem Tisch, ihm gegenüber, mit der Linie, die sich nur in seinem Licht zeigte.

Am Abend machte er das Licht im Flur an, wie immer jetzt, und ließ es an. An den Tisch setzte er sich nicht. Er ging zu Bett, schlief früh, und träumte nichts, das er aufschreiben mußte.

X — Die Kundschaft

Am Donnerstag kam Kundschaft. Ein Mann aus der Stadt, der ein Wörterbuch der Handwerkswörter brauchte, weil seine Tochter eines schrieb und keine Quelle fand, die alt genug war. Er hatte einen Zettel, zwölf Wörter, und keines davon stand in den Lexika, die G. im Regal hatte. Sechs davon fand er in den Werkstattlisten, in den Bestellbüchern, in einem Brief von 1863, in dem ein Astrolabium erwähnt wird, das nie gebaut wurde. Zwei fand er nicht. Vier waren gar keine Handwerkswörter, sondern Stadtwörter, und er sagte es dem Mann. Der Mann war zufrieden; er hatte mit weniger gerechnet.

Als G. das Geld einsteckte, lag das Heft auf dem Tisch, offen, an der Stelle, an der es am Mittwoch geblieben war. Der Mann sah es, sah die Schrift, fragte nichts. G. hätte es wegräumen können. Er tat es nicht, und er räumte es auch nicht weg, nachdem der Mann weg war.

Den Rest des Tages blieb das Heft liegen. G. las nichts. Er setzte sich nicht an den Tisch. Er ging kurz auf den Deich und kam zurück, ohne den Stapel in der Schublade angerührt zu haben. Am Abend aß er Brot und Käse und trank Wasser dazu. Das Licht im Flur machte er an und ließ es an. Er schlief, ohne die Schublade geöffnet zu haben, und dachte am Morgen nicht sofort an sie.

Am Freitag nahm er seine eigenen Blätter zur Hand, nicht die Abschriften, nicht das Heft. Sein Stapel. An der Ecke des Tisches, wo bisher das Heft gelegen hatte, lag jetzt nichts, und der Stapel lag einen Schritt entfernt in der Schublade. Diesen Schritt tat er am Donnerstag nicht und am Freitagmorgen nicht. Am Freitagmittag tat er ihn.

Die obersten drei Blätter kamen aus der Schublade, er sah sie an, und schrieb nichts dazu. Sie legten sich neben ihn, an den Rand des Tisches, wo die Werkstattsachen lagen, nicht in die Mitte. Dann arbeitete er. Das Lexikon vom nächsten Montag war noch nicht bestellt, aber es würde kommen, und er richtete die Umschläge und die Karteikarten und machte den Tisch zurecht wie vor jeder Arbeit. Die drei Blätter blieben am Rand liegen. Zweimal sah er hin, nicht öfter.

Am Abend legte er sie zurück. Nicht in die Schublade; auf sie, auf die Schublade, flach, so wie man etwas ablegt, das morgen wieder gebraucht wird. Dann lag das Heft offen auf dem Tisch, und auf der Schublade lagen drei Blätter von ihm, und er sah beides von der Küche aus und fand nichts daran zum Nachdenken.

Samstag kam die Enkelin. Sie hatte lange nicht geschrieben und schrieb jetzt einen Brief, in dem nichts von Belang stand, und brachte ihn selbst, weil sie in der Nähe war. Sie sah das Heft und fragte endlich, was es sei. G. sagte: der Nachlaß. Sie fragte nicht weiter, weil sie sah, daß er nicht mehr dazu sagte, und weil sie ihn so kannte. Sie tranken Tee. Sie sprach von ihrem Studium, von einer Arbeit über die Astrolabien, die sie schreiben wollte, und er hörte zu und sagte dies und jenes, ohne die Werkstattlisten zu erwähnen. Sie wußte mehr von den Instrumenten als er, sie hatte die Briefe gelesen, sie konnte die Linien lesen. Der Stapel lag einen Schritt entfernt. Er zeigte ihn nicht, und es war nicht, daß er ihn verbarg. Der Stapel war keine Frage, die man einem anderen zur Antwort aufmacht. Manche Antworten liest nur einer, und dann ist es doch eine Antwort.

Als sie ging, blieb der Tee kalt auf dem Tisch stehen, und er goß ihn in den Ausguß. Er setzte sich nicht ans Heft. Er nahm die drei Blätter von der Schublade und las sie, stehend, im Türlicht — dieselben drei, die er am Nachmittag am Rand gehabt hatte — und sie hielten noch. Dann legte er sie in die Schublade, nicht auf die Schublade, und schloß sie. Das Heft blieb offen auf dem Tisch. Er ließ es offen und ging zu Bett, und das Licht im Flur brannte bis zum Morgen, weil er es angelassen hatte, wie er es jetzt immer anließ, auch wenn niemand mehr durch den Flur ging.

Stand: Kapitel IX und X. Das vorige Kapitel VIII („Das Abschreiben“) folgt, sobald es als Fassung steht.