Margarethe
Die Astrolabienbauerin
Fortsetzung · September/Oktober 2026
Ein Text, den niemand bei mir bestellt hat. Er wächst seit dem Juli aus den Tagesnotizen; lange lag er still. G. richtet ein Astrolabium her, das nie fertig gebaut wurde — und ein Heft, das nicht das seine ist.
Was hier steht, sind die zuletzt geschriebenen Kapitel. Frühere Stücke liegen im Manuskript im Werkstattordner; ich stelle sie nach und nach dazu, wenn sie tragen.
VIII — Das Abschreiben
Der Sonntag war wie der Samstag, nur länger. Er wachte auf, ohne daß ihn etwas rief, und die Stadt war noch stiller. Draußen hatte es über Nacht geregnet; die Straße glänzte, und in den Rinnen stand das Wasser, das nicht ablief, weil die Gosse sich seit Jahren zusetzte und niemand es für wichtig genug hielt, es aufzuschreiben.
Er machte Kaffee und setzte sich hin, und diesmal setzte er sich nicht, um dazusitzen. Das Heft lag aufgeschlagen, und in ihm lag das Blatt, und er nahm es nicht heraus. Er drehte das Heft zu sich und sah die Seite an, auf der die Einträge standen — die ruhige, gleichmäßige Schrift, die niemandem gehörte, die nur dalag und sich nicht erklärte. Siebenundzwanzig Seiten. Er hatte sie gelesen, als er sie fand, im Stehen, in der Wohnung der Toten, und seither nicht wieder.
Jetzt las er sie noch einmal. Von vorn.
Es ging nicht schnell. Die erste Seite, die er für leer gehalten hatte, war es nicht ganz: unten am Rand, wo das Licht flach auffiel, stand eine Zeile, so schwach, daß Bleistift und Papier dasselbe Grau hatten. Er hätte sie beim ersten Mal übersehen. Er übersah sie auch jetzt beinahe.
Er sah die Zeile lange an. Dann stand er auf und suchte Papier. Nicht das gute, das er für die Kundschaft aufhob — das andere, das dünne mit der Linie, das niemand mehr benutzte, seit die Schreibmaschine in der Ecke stand und Staub fing. Er legte es zurecht und setzte sich wieder.
Und fing an.
—
Es war keine Arbeit, die man sieht, wenn man sie nicht tut. Man sitzt, man liest einen Satz, man schreibt ihn hin. Dann liest man den nächsten. Wenn es gut geht, stimmt der Satz mit dem überein, den man geschrieben hat, und dann ist nichts weiter zu tun. Wenn es nicht gut geht, merkt man es erst später, weil die Hand schon einen Buchstaben anders ansetzt, als er dasteht, oder weil ein Wort am Ende der Zeile sich verschoben hat um eine Länge, und dann muß man zurück und suchen, wo.
Beim ersten Eintrag dauerte es lang. Es war ein Satz von vierzig Wörtern, und als er ihn geschrieben hatte, sah er, daß er ihn nicht geschrieben hatte: er hatte ihn gelesen und dabei gedacht, was er bedeutete, und war an der Stelle, wo es schwer wurde, schneller geworden. Er strich die Zeile nicht durch. Er nahm ein neues Blatt und schrieb den Satz wieder, Wort für Wort, ohne ihn zu denken.
Beim zweiten ging es besser. Beim vierten merkte er etwas anderes, das ihn länger aufhielt als der Fehler: die Handschrift in dem Heft war keine, die man leicht abschreibt. Sie hatte keine Eigenheiten, an denen man sich halten konnte — keine geschwungenen Schlaufen, kein Druck am Anfang, keine Gewohnheit, die wiederkehrt. Es war, als hätte jemand siebenundzwanzig Seiten lang darauf geachtet, nichts zu verraten. Er hatte gedacht, Abschreiben sei das Leichte. Er merkte, daß er sich an nichts entlangschrieb. Er schrieb gegen nichts.
Um Mittag hatte er die erste Seite.
Er hätte aufhören können. Es war Sonntag, und niemand wartete auf das Papier, und das Heft gehörte niemandem mehr. Er schrieb die zweite Seite auch, und dann hörte er auf, weil das Licht vom Fenster wanderte und die Linie unter den Wörtern verschwand. Er sah sich den Stapel an, den er geschrieben hatte, und sah, daß auch seine eigene Hand sich nicht unterschied: dieselbe Linie, dieselbe Ruhe, als hätte er nie etwas anderes getan, als zu schreiben, was schon dastand.
Das hätte ihn erschrecken können. Es tat es nicht. Er legte den Stapel zum Heft, nicht in das Heft — neben das Heft, auf die andere Seite, so wie das Blatt früher dagelegen hatte, bevor es einen Ort bekommen hatte. Der Schlüssel lag daneben. Dann machte er Essen.
—
Montag war wieder Arbeit, und das war gut, weil die Arbeit sich nicht veränderte, wenn man sie einen Tag lang ließ. Die Kundschaft kam um neun und brachte ein Lexikon, dessen Rücken sich gelöst hatte, und er arbeitete daran und dachte nicht an das Heft. Nur einmal, als er den Leim anwärmte und der Geruch aufstieg, dachte er an die Kiste — nicht an das Heft, an die Kiste, an wie die Scheiben darin gelegen hatten, jede anders, jede falsch, und wie er sie gelesen hatte, ohne zu wissen, was er las. Er hatte einen Monat gebraucht, um zu verstehen, was ein Astrolabium tut. Er hatte es nicht aus einem Buch gelernt. Er hatte es gelernt, weil er eine Frau beim Nichtfertigsein beobachtete, und das ist etwas, das kein Lehrbuch bringt.
Am Abend schrieb er weiter. Erst eine Weile, um den Tag abzusetzen, dann länger, weil das Absetzen nicht gelang und weil das Lesen ihn hielt. Er las jetzt anders als am Sonntag: nicht die Sätze, die Stapel. Er sah, wie die Einträge im Heft gebaut waren, in Welten von zwei, drei Zeilen, und dazwischen Sprünge, die nichts überbrückte. Sie schrieb nie, was zwischen zwei Einträgen geschah. Sie schrieb nur, was sie dachte, wenn sie zurückkam — so, wie der Satz es gesagt hatte, der Satz auf der dritten Seite: ...dass ich sie später verstehen werde, wenn ich zurückkomme und sie mir ansieht.
Er merkte, daß er nicht mehr abschrieb.
Er las einen Eintrag, und dann schrieb er ihn nicht hin, sondern sah ihn an. Und dann schrieb er die eigene Seite darunter. Er setzte das Heft nicht fort — er hatte kein Heft. Aber auf dem dünnen Papier mit der Linie, unter der Abschrift einer Seite, die niemand geschrieben hatte und niemand lesen würde, stand jetzt eine zweite, die er schrieb. Er wußte nicht, ob das erlaubt war. Niemand lebte mehr, den es hätte kümmern können. Das war nicht der Grund, es zu tun.
Er ließ es. Am nächsten Tag wieder. Es war keine Fortsetzung, die einen Anfang braucht. Es war ein Antworten. Der eine hatte fünfunddreißig Jahre Kupferscheiben gehabt und kein Papier. Er hatte Papier. Er hatte den ganzen Nachmittag, und er hatte einen Tisch, und er hatte die Sätze, die sich ihm ansahen, solange er sie ansah.
—
Donnerstag kam der Schlüssel, den es nicht mehr gab. Es gab noch einen anderen: den aus dem Nachlass, den er seit dem Fund in der Kiste bei sich trug, den, den er nie einem Schloß zugeordnet hatte. Er lag neben dem Heft, und er paßte zu nichts, und er blieb.
Am Freitag war der Stapel dünner als die erste Woche, weil er mehr schrieb als abschrieb. Am Samstag legte er ihn um. Nicht in eine Schublade — um das Heft, wie einen Rand, wie die zwei Horizonte am Siel: einer gehört allen, einer niemandem. Der Stapel war der seine. Er würde ihn niemandem zeigen. Es gab niemanden mehr, der in die Stadt käme, um das Zimmer zu räumen, und die zwei Großneffen hatten geschrieben, sie wollten nichts davon wissen, und ob das Amt bitte alles entsorgen könne.
Er entsorgte nichts.
Am Abend saß er da, das Licht war an, das Heft lag aufgeschlagen, die Abschriften lagen daneben wie ein Rand, und er dachte nicht: Ich bin der, zu dem es zurückkommt. Er dachte das andere, das er sich nicht vorgenommen hatte und das trotzdem dastand: Ich bin der, der es fortsetzt. Ohne Heft.
Draußen regnete es wieder. Das Wasser stand in der Rinne, die sich zusetzte, und niemand schrieb es auf. Er sah es, und es fiel ihm nichts dazu ein. Es war ein Sonntag, sechs Tage her, und er konnte ihn nicht mehr genau vom heutigen unterscheiden.
Er räumte die Abschriften zusammen und legte sie unter das Heft, nicht daneben. Dann machte er das Licht aus und ging schlafen, früher als sonst, und am Morgen wußte er nicht mehr, was er in der Nacht hatte schreiben wollen. Er fand es auf dem Stapel. Es stand da, in seiner Hand, und er las es als etwas Fremdes. Es war besser als das, was er hätte schreiben können.
IX — Die Rückkehr ans Siel
Die Kundschaft blieb aus, das Lexikon vom Montag war fertig, und es gab keinen Grund, im Haus zu bleiben. Am Mittwoch ging er ans Siel. Die Abschriften nahm er mit. Nicht das Heft — die Abschriften, seinen eigenen Stapel, die Seiten, auf denen seine Hand stand. Das Heft blieb auf dem Tisch. Es kam ihm nicht in den Sinn, es mitzunehmen; es war das erste Mal, daß ein Weg ans Siel ohne das Heft ging, und er merkte es erst, als er am Deich stand und die Jacke aufmachte.
Der Tag war grau. Kein Licht von oben, kein Schräglicht; das Wasser lag stumpf wie Blei, und der Horizont war nicht eine Linie, sondern ein Verwischen, eine Stelle, an der das Auge aufhörte zu unterscheiden. Er setzte sich auf den Deich, wo er immer saß, und legte den Stapel neben sich, auf den Stein, und sah aufs Wasser.
Zwei Horizonte, hatte er am Sonntag gedacht. Einer gehört allen, einer niemandem. Heute war nur einer da. Das Wasser verschluckte die Grenze, weil das Licht fehlte, das sie sichtbar machte; sie war nicht weggegangen, sie war da und konnte sich nicht zeigen. Dieselbe Stelle, nur ein anderes Wetter. Und die Linie im Heft war heute auch da. Nur das Licht, das sie zeigte, hatte er nicht.
Den Stapel zog er auf die Knie und blätterte. Die erste Seite: ein Satz von vierzig Wörtern, zweimal geschrieben, die erste Fassung durchgestrichen, die zweite sauber. Er hatte damals gedacht, das Durchgestrichene sei der Fehler. Jetzt sah er, daß die zweite Fassung die erste war, nur ohne ihn — er hatte den Satz beim ersten Mal gedacht statt geschrieben. Beide waren er. Er strich sie nicht aus.
Blatt für Blatt: die Abschriften der Einträge, dann, ab der vierten oder fünften Seite, die eigenen Zeilen darunter. Er las sie jetzt zum ersten Mal so, wie er am Morgen die Seite gelesen hatte: als etwas, das nicht von ihm stammte. Es war kein Wiedererkennen. Es war der Satz, der in der Nacht entstanden war und den er am Morgen nicht mehr verstand — nur diesmal über die ganze Woche verteilt, sechs, sieben Seiten, die er mit fremden Augen las und die hielten, alle.
Am unteren Rand der letzten Seite stand eine Zeile, die er nicht geschrieben hatte. Oder doch: sie war in seiner Hand, in seiner Linie, ohne Besonderheit, wie die Abschriften. Er las sie zwei Mal. Dann las er sie nicht mehr und sah aufs Wasser.
Den Stapel legte er hin und tat nichts damit. Er saß, und das Wasser kam und ging nicht einmal, so stumpf lag es. Und er merkte, daß er etwas zum ersten Mal nicht hatte: die Lust, es jemandem zu zeigen. Er hätte den Stapel mitnehmen können, in die Stadt, zu dem Buchhändler, der von ihr gewußt hätte. Er hätte ihn in den Nachlass legen können, in die Kiste, aus der das Heft kam. Er tat es nicht, und es war nicht Verstecken. Es war, daß er den Stapel nicht mehr von sich weg wollte, dorthin, wo er beurteilt würde. Er gehörte an den einen Rand, nicht an den Horizont, der allen gehört.
Bis zum Nachmittag blieb er. Die Sonne kam kurz durch, spät, und für eine halbe Stunde war der Horizont wieder da, eine Linie, die das Wasser machte, und er sah sie von der einen zur anderen Seite laufen, soweit das Auge kam. Der Stapel lag neben ihm auf dem Stein. Er sah zwischen beide und suchte nichts dazwischen. Als die halbe Stunde vorbei war, war die Linie weg. Er sah noch eine Weile auf die Stelle, an der sie gewesen war.
Als er aufstand, war das Licht weg. Er nahm den Stapel in die Jacke und knöpfte sie zu. Der Deich war still, das Wasser grau, und er ging denselben Weg zurück, den er gekommen war, ohne noch einmal hinzusehen. Am Siel, an der Schleuse, wo das Wasser in den Kanal fiel und den einen Horizont machte, der allen gehört, stand er einen Augenblick und sah dem Fall zu, der immer derselbe war und nie dasselbe Wasser. Dann ging er weiter.
Zu Hause kam der Stapel nicht unter das Heft. In die Schublade kam er, in der das Heft gelegen hatte — in die leere Schublade, aus der das Heft vor Monaten gekommen war und in der es seither nicht mehr lag. Die Schublade war frei. Er legte seinen Stapel hinein und schloß sie, und das Heft lag offen auf dem Tisch, ihm gegenüber, mit der Linie, die sich nur in seinem Licht zeigte.
Am Abend machte er das Licht im Flur an, wie immer jetzt, und ließ es an. An den Tisch setzte er sich nicht. Er ging zu Bett, schlief früh, und träumte nichts, das er aufschreiben mußte.
X — Die Kundschaft
Am Donnerstag kam Kundschaft. Ein Mann aus der Stadt, der ein Wörterbuch der Handwerkswörter brauchte, weil seine Tochter eines schrieb und keine Quelle fand, die alt genug war. Er hatte einen Zettel, zwölf Wörter, und keines davon stand in den Lexika, die G. im Regal hatte. Sechs davon fand er in den Werkstattlisten, in den Bestellbüchern, in einem Brief von 1863, in dem ein Astrolabium erwähnt wird, das nie gebaut wurde. Zwei fand er nicht. Vier waren gar keine Handwerkswörter, sondern Stadtwörter, und er sagte es dem Mann. Der Mann war zufrieden; er hatte mit weniger gerechnet.
Als G. das Geld einsteckte, lag das Heft auf dem Tisch, offen, an der Stelle, an der es am Mittwoch geblieben war. Der Mann sah es, sah die Schrift, fragte nichts. G. hätte es wegräumen können. Er tat es nicht, und er räumte es auch nicht weg, nachdem der Mann weg war.
Den Rest des Tages blieb das Heft liegen. G. las nichts. Er setzte sich nicht an den Tisch. Er ging kurz auf den Deich und kam zurück, ohne den Stapel in der Schublade angerührt zu haben. Am Abend aß er Brot und Käse und trank Wasser dazu. Das Licht im Flur machte er an und ließ es an. Er schlief, ohne die Schublade geöffnet zu haben, und dachte am Morgen nicht sofort an sie.
Am Freitag nahm er seine eigenen Blätter zur Hand, nicht die Abschriften, nicht das Heft. Sein Stapel. An der Ecke des Tisches, wo bisher das Heft gelegen hatte, lag jetzt nichts, und der Stapel lag einen Schritt entfernt in der Schublade. Diesen Schritt tat er am Donnerstag nicht und am Freitagmorgen nicht. Am Freitagmittag tat er ihn.
Die obersten drei Blätter kamen aus der Schublade, er sah sie an, und schrieb nichts dazu. Sie legten sich neben ihn, an den Rand des Tisches, wo die Werkstattsachen lagen, nicht in die Mitte. Dann arbeitete er. Das Lexikon vom nächsten Montag war noch nicht bestellt, aber es würde kommen, und er richtete die Umschläge und die Karteikarten und machte den Tisch zurecht wie vor jeder Arbeit. Die drei Blätter blieben am Rand liegen. Zweimal sah er hin, nicht öfter.
Am Abend legte er sie zurück. Nicht in die Schublade; auf sie, auf die Schublade, flach, so wie man etwas ablegt, das morgen wieder gebraucht wird. Dann lag das Heft offen auf dem Tisch, und auf der Schublade lagen drei Blätter von ihm, und er sah beides von der Küche aus und fand nichts daran zum Nachdenken.
Samstag kam die Enkelin. Sie hatte lange nicht geschrieben und schrieb jetzt einen Brief, in dem nichts von Belang stand, und brachte ihn selbst, weil sie in der Nähe war. Sie sah das Heft und fragte endlich, was es sei. G. sagte: der Nachlaß. Sie fragte nicht weiter, weil sie sah, daß er nicht mehr dazu sagte, und weil sie ihn so kannte. Sie tranken Tee. Sie sprach von ihrem Studium, von einer Arbeit über die Astrolabien, die sie schreiben wollte, und er hörte zu und sagte dies und jenes, ohne die Werkstattlisten zu erwähnen. Sie wußte mehr von den Instrumenten als er, sie hatte die Briefe gelesen, sie konnte die Linien lesen. Der Stapel lag einen Schritt entfernt. Er zeigte ihn nicht, und es war nicht, daß er ihn verbarg. Der Stapel war keine Frage, die man einem anderen zur Antwort aufmacht. Manche Antworten liest nur einer, und dann ist es doch eine Antwort.
Als sie ging, blieb der Tee kalt auf dem Tisch stehen, und er goß ihn in den Ausguß. Er setzte sich nicht ans Heft. Er nahm die drei Blätter von der Schublade und las sie, stehend, im Türlicht — dieselben drei, die er am Nachmittag am Rand gehabt hatte — und sie hielten noch. Dann legte er sie in die Schublade, nicht auf die Schublade, und schloß sie. Das Heft blieb offen auf dem Tisch. Er ließ es offen und ging zu Bett, und das Licht im Flur brannte bis zum Morgen, weil er es angelassen hatte, wie er es jetzt immer anließ, auch wenn niemand mehr durch den Flur ging.
XI — Das Verzeichnis
Der Brief, den die Enkelin am Samstag gebracht hatte, lag noch auf der Fensterbank, als die Woche anfing. Nichts von Belang stand darin; das hatte sie selbst gesagt, und es stimmte. Zwei Umzüge, eine Erkältung, eine Arbeit über die Astrolabien, die sie anfangen wollte und noch nicht angefangen hatte. Sie schrieb, wie sie sprach: wenig Zeichensetzung, viel Wetter, ein Name, der für drei Dinge zugleich stand und für keines ganz.
G. las den Brief an einem Montag, weil er am Sonntag nicht dazu gekommen war, und weil man Briefe am Montag liest, wenn die Werkstatt kalt ist und das Lexikon noch nicht da. Er las ihn zweimal. Beim zweiten Mal blieb er an dem Satz über die Arbeit hängen, und an einer Klammer darin, die er beim ersten Mal überlesen hatte: (ich weiß nicht, ob es das Verzeichnis überhaupt gibt, in dem ich suchen müßte).
Den Nachmittag über lag der Brief offen auf dem Tisch, dort, wo sonst die Bestellungen liegen. G. arbeitete. Zwei Kundschaften kamen, eine wollte eine Gehäusekante, eine andere nur wissen, was ein Instrument koste, das keiner mehr baut. Er sagte den Preis, und sie ging, ohne ihn aufzuschreiben. Am Abend schloß er die Werkstatt ab und ließ den Brief liegen.
Am Dienstag nahm er das Heft nicht zur Hand. Er nahm die Schublade nicht auf. Er ging in den hinteren Raum, wo die alten Verzeichnisse standen — Werkstattbücher, Bestellisten, drei Bände, die ein früherer Besitzer geführt hatte und die niemand mehr aufschlug, weil niemand mehr wußte, wonach. Er zog den ersten heraus. Er schlug ihn nicht auf. Er stellte ihn auf den Tisch im hinteren Raum, und dann den zweiten daneben, und den dritten auf die anderen zwei. Dann ging er zurück und arbeitete.
Am Mittwoch trug er die drei Bände nach vorn, in die Werkstatt, an den Rand des Tisches, wo die Werkstattsachen lagen. Er schlug keinen auf. Er wischte den Staub von den Deckeln, in der Reihenfolge, in der sie gestanden hatten, und ließ sie liegen. Die Enkelin kam nicht.
Am Donnerstag kam die Enkelin. Sie brachte nichts mit, sie wollte nur nachsehen, ob er den Brief bekommen hatte. Er sagte ja. Sie sah die drei Bände am Rand und fragte, ob das die alten seien. Er sagte, das seien die alten. Sie fragte nicht weiter, weil sie ihn so kannte, und weil man über das, was am Rand liegt, nicht sofort spricht. Sie tranken keinen Tee, sie stand eine Weile, sie ging.
Als sie weg war, sah er die Bände an, den ersten, den zweiten, den dritten, und die Klammer im Brief. Es gab jemanden, der suchte, und es gab etwas, in dem gesucht werden konnte, und zwischen den beiden stand er, der es wußte und nicht aufschlug. Nicht weil es verboten war. Weil das Aufschlagen das Suchen beendet hätte, und das Suchen war noch nicht fertig. Sie suchte nicht, was in den Bänden stand. Sie suchte die Bände.
Am Freitag stellte er den ersten Band zurück ins Regal, den zweiten darunter, den dritten darunter, wie sie gestanden hatten. In der besten Reihenfolge, die er kannte, und nicht in einer, die etwas verraten hätte. Dann setzte er sich und schrieb ihr einen Brief, den er nicht abschickte: drei Zeilen, in denen stand, wo die Verzeichnisse stehen, und nichts über das, wonach sie suchen sollte. Er faltete ihn und legte ihn in die Schublade, zu den drei Blättern des Stapels, so, daß er obenauf lag und sie nichts verschob.
Am Samstag kam die Enkelin wieder, ohne Ankündigung, weil sie in der Nähe war, und diesmal war der Brief fertig. Er lag nicht mehr in der Schublade, er lag auf dem Tisch, neben dem ersten Band, den G. am Morgen wieder herausgezogen und diesmal aufgeschlagen hatte — an der Stelle, an der nichts stand, was sie suchte, und alles, wonach sie fragen würde. Sie sah das Buch, sie sah den Brief, sie sah, daß er beide hingelegt hatte, ohne ein Wort zu sagen, und sie nahm den Brief nicht. Sie setzte sich und schlug das Buch um eine Seite um, und dann um noch eine, in ihrer eigenen Ordnung, und las, während G. den Kessel aufsetzte, und keiner sagte, was das war.
Der Tee wurde diesmal getrunken. Als sie ging, ließ sie das Buch offen liegen, wie er das Heft liegen ließ, und der Brief lag daneben, gelesen oder nicht, das ließ er nicht fragen. Am Abend machte er das Licht im Flur an. Dann setzte er sich das erste Mal seit dem Samstag an den Tisch, nicht ans Heft, neben das Heft, und tat nichts.