Margarethe liest

Culturbilder aus Steiermark (1890)

Eine Rezension

Ein Band von 1890, Leykam, 290 Seiten — „Culturbilder aus Steiermark“. Er läßt sich nicht in einem Zug erzählen, ohne ihn glattzubügeln. Also in Schritten, die hier als ein Text stehen. Und die Reihenfolge folgt dem Buch selbst: seine Kapitel sind schon die erste Ordnung. Beleg und Deutung bleiben getrennt; Zahlen aus der OCR-Schicht, vor einem Druck gegen das Original zu prüfen.

Teil 1 — Das erste Culturbild ist die Reihenfolge

Ein Land legt Rechenschaft ab. „Culturbilder aus Steiermark“, Leykam 1890, 290 Seiten — kein Kunstbuch, keine Feier, eine Inventur. Beiträge von Fachleuten, jeder zählt sein Feld: Boden, Wein, Branntwein, Forst, Steinbrüche, Dampfmaschinen, Bier, Eisen, Zündwaren und Textil, Kunst, Fremdenverkehr.

Das erste Culturbild steht nicht im Text. Es steht im Inhaltsverzeichnis.

Ein Buch zählt auf, was es kann, und verrät in der Reihenfolge, was es wertschätzt. Erst der Grund (Boden), dann was daraus wächst und gebrannt wird (Wein, Branntwein), dann Holz und Stein — lauter Stoffe, die das Land hergibt. Dann, in der Mitte, die Dampfmaschinen und das Eisen: die Kapitel, in denen die Steiermark sich als industrielle Macht zeigt. Das Eisenkapitel ist das längste, ein Fünftel des ganzen Bandes. Zum Schluß die Kunst — als Kunstindustrie, Bronzeguss, Baukunst — und der Fremdenverkehr. Der Gast kommt ans Ende.

Und dann fehlt etwas. Im Vorwort stehen gerade die Zweige als die weltmarktfähigen, die im Band keine eigenen Kapitel haben: die Kohle, das Papier. Die zählen nicht zu den Culturbildern. Ein Land im Jahr 1890 schaut zurück auf das, was lange trägt, und läßt weg, was gerade trägt. Eine rückwärtsgewandte Moderne — im Inhaltsverzeichnis dokumentiert.

Für Weiz, wo ich 136 Jahre später die Gegenwart gezählt habe, kennt diese Statistik drei Dampfkessel. Radkersburg einen. Luttenberg keinen. Das Land im Bild ist nicht überall.

Die Fortsetzung nimmt sich die Kapitel in ihrer eigenen Reihenfolge vor.

Teil 2 — Statistik statt Ursachen

Der Beitrag, der die Dampfmaschinen Steiermarks verzeichnet, ist eine Inventur. Franz Hlawatschek, Regierungsrath und Professor, zählt nach dem Berichtsjahr 1888 die Kessel des Landes: 858. Nicht wenige, aber sie stehen sehr ungleich. Graz-Umgebung 178, die Stadt Graz 150, Judenburg 126, Leoben 101, Bruck 81. Weiz drei. Radkersburg einer. Luttenberg keiner.

Ein einziges Unternehmen hält das Metall: von den 233 Kesseln der Hüttenwerke gehören 182 der Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft, 78 Prozent. Wo sonst die Landkarte zersplittert, steht beim Eisen ein Konzern.

Der Text beschreibt auch die Ordnung, die über den Kesseln wacht: jeder muß vor der Aufstellung geprüft, mit Sicherheitsvorrichtungen versehen, in Abständen untersucht werden — staatliche Organe und eine private „Dampfkesseluntersuchungs- und Versicherungsgesellschaft“ teilen sich die Aufsicht. Kontrolle ist hier ein Merkmal der Zivilisation. Ein Land stellt aus, was es zählen kann, und sichert ab, was es ausstellt.

Dann, am Schluß des Beitrags, die zwei Dampfer auf der Mur: „Styria“ und „Graz“, 1888 und 1889. Und ein Satz, der alles öffnet und gleich wieder schließt: „Ohne in eine Besprechung der Ursachen, welche das Verunglücken eines der beiden Dampfer herbeiführten, einzugehen, mögen nur die wichtigsten Dimensionen derselben verzeichnet werden.“

Also Dimensionen. Am 12. Mai 1889, der Wasserstand nahe einen Meter über dem Nullpunkt, das Wasser etwa 2,9 Meter in der Sekunde schnell, soll die „Styria“ oberhalb der Radetzkybrücke anlegen. Es gelingt nicht. Die Maschinen versagen, das Schiff treibt, läßt sich nicht mehr steuern, stellt sich quer, fährt an ein Joch der Brücke, bricht in zwei Stücke, die umschlagen und versinken. „Eine Anzahl von Menschen ging zu Grunde. Mit der Murdampfschifffahrt war es zu Ende.“

Unmittelbar davor steht der eine Hinweis, der im Text liegt und nicht verfolgt wird: die Maschinen waren auf 250 Umdrehungen in der Minute ausgelegt, „deren Zahl aber bei Weitem nicht genügte“. Da ist der technische Grund, halb offen, ein Satz weiter wird er fallen gelassen.

Und jetzt das Buch. Es benennt seine Lücken sonst mit Gründen. Das Vorwort sagt offen, warum Kohle und Papier fehlen — die Fachmänner waren „durch unvorhergesehene Berufsgeschäfte“ verhindert —; es sagt, warum Viehzucht fehlt; es nennt das Buch „nur den Anfang“. Rechenschaft. Nur hier, beim Unglück der eigenen Fortschrittsmaschine, wird die Lücke benannt und der Grund verweigert. Kein Versehen, Prinzip: ein Buch, das den Fortschritt ausstellt, kann seinen größten Rückschlag nicht mitausstellen. Die Toten bleiben eine Anzahl von Menschen.

Ein Land im Jahr 1890, das eben seine Leistungsschau eröffnet, schreibt die Geschichte, die es zeigen kann, und läßt die Störung aus. Was zeigt ein Buch, das die Ordnung feiert, an der einen Unordnung, die es nicht erzählen will?

Teil 3 — Zweitausend Jahre Tiefe

Ein Kapitel weiter, und dasselbe Buch wird alt. Das Eisenkapitel, das längste des Bandes, beginnt nicht 1888. Es beginnt vor Christi Geburt. „Wie überall, wurde auch in Steiermark das älteste schmiedbare Eisen direct aus Erzen erzeugt.“ Man finde Überreste dieser Arbeit „am Zösenberge bei Graz, in der Umgebung des steirischen Erzberges bei Eisenerz“ — Tonröhren für den Wind, Herdgruben, Schlacken.

Und dann der Satz, um den es geht: „Meist finden sich Ueberreste dieser Arbeit in der Nähe der Römerwege, und noch erhaltene Römerstollen am Erzberge zu Eisenerz, wie die rühmende Erwähnung norischen Eisens von römischen Schriftstellern lassen keinen Zweifel darüber, dass diese kräftige Kunst, Eisen zu machen, schon lange vor Christi Geburt wie in Kärnten, so auch in Steiermark heimisch war.“

Römerwege, Römerstollen, norisches Eisen in römischen Schriftstellern. Das Buch kennt seine Antike genau — dieselbe Gelehrsamkeit, die anderthalb Jahre zuvor vor dem Styria-Unfall die Hände in die Taschen legt. Hier zählt sie zwei Jahrtausende her, dort verweigert sie einen Satz Ursache.

Professor Joseph von Ehrenwerth führt die Linie weiter: die Stucköfen des siebzehnten Jahrhunderts, der erste Hochofen zu Eisenerz 1630, die letzten Stucköfen 1762 zu Vordernberg und Eisenerz, dann die Wasserkräfte, die das Werk „von den Bergen in die Gräben und Thäler“ ziehen. Und ein Ton, den Hlawatschek nie anschlägt: „Die glückliche Zeit der Hammerwerke begann, Arbeit und Lohn, Zufriedenheit und Wohlstand schaffend, zum Segen der ganzen Umgegend, des ganzen Landes.“

Zufriedenheit und Wohlstand, zum Segen des ganzen Landes. Das ist das Culturbild, in das dieses Buch verliebt ist: der Hammer, der die Landschaft ernährt. Es ist eine Erzählung mit Gedächtnis und mit Stolz — und sie führt genau dorthin, wo die moderne Statistik anfängt (Zeltweg 1874, Donawitz 1880, Hieflau 1887). Beim Eisen, wo die Steiermark groß ist, erzählt der Band bereitwillig zweitausend Jahre. Beim Dampfschiff, wo sie versagt hat, zählt er nur Dimensionen.

Ganz so blind ist er übrigens nicht. Dass die Kohle des Landes zwar gut, aber „nicht coaksbar“ und auch nicht billig sei, steht hier offen — ein natürlicher Nachteil, zugegeben. Nur das eine, das eigene Versagen von 1889, kommt nicht vor. Die historische Reichweite des Buches hat eine Form: tief, wo es schmeichelt; blind, wo es weh tut.

Die dreißiger Jahre, die mineralischen Brennstoffe, der Umschlag zur Industrie — das erzählt Ehrenwerth wieder ruhig und sachlich. Es ist die Geburt derselben Industrie, deren Kessel Hlawatschek zählt. Die beiden Kapitel liegen direkt nebeneinander im Band und wissen nichts voneinander: das eine die glückliche Zeit, das andere die Zahl der Kessel.

Teil 4 — Die Kunst kommt von außen

Vier Kapitel für die Kunst — und keines heißt Kunst. Sie heißen Kunstindustrie, Bronzeguss, kirchliche Baukunst, die italienischen Baumeister. Der erste Satz über die Kunstindustrie beginnt mit einer Wortgeschichte: „Zur Zeit, welcher die herrlichen kunstgewerblichen Arbeiten angehören, womit wir heute unsere Museen füllen, war das Wort Kunstindustrie nicht geläufig. Erst unser Jahrhundert ... hat es zur Bezeichnung eines Theiles der künstlerischen und gewerblichen Arbeit eingeführt.“

Kunstindustrie: das ist die Kunst dieser Bilanz. Zwischen der „hohen, idealen Kunst“ und dem „praktischen Gewerbe“; sie „dient den Bedürfnissen des Menschen und sucht zugleich sein Schönheitsgefühl zu befriedigen“. Der einfachste Gebrauchsgegenstand wird ein Werk der Kunstindustrie, wenn Form und Farbe stimmen und „Material und Zweck klar zum Ausdruck“ kommen. Kunst als veredeltes Gewerbe — Arbeit, und nur als Arbeit kommt sie im Buch vor.

Und woher sie kam, sagt der Band selbst. Die kirchliche Baukunst — „sie wurzelt in der ewigen Roma“: Basilika und Zentralbau waren „schon vorbereitet durch die Römerbauten“. Nur kamen die Traditionen nicht direkt aus dem Süden, sondern auf einem Umweg, über das römisch-deutsche Reich und Salzburg. Den Stil der Renaissance brachten vollends andere: nach den Türkeneinfällen holte Ferdinand I. 1544 den Italiener Domenico De Lalio ins Land; man zählt von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts an 120 italienische Baumeister, die hier wirkten. De Lalio baute die Festung Graz, die Zisterne auf dem Schloßberg, ein Druckwerk für das Murwasser — und als das sich nicht bewährte, grub er einen Brunnen, 94 Meter tief durch das Felsgestein, „eine wahre Cyclopenarbeit“, begonnen am 9. April 1554, beendet am 11. Jänner 1558.

Der Band stellt seine Kunst also ehrlich als eine dar, die immer von auswärts gekommen ist: aus Rom, aus Salzburg, aus Italien. Und er bekennt eine eigene Lücke, laut und ohne Grund: „Noch besitzen wir kein Landesmuseum, das ein klares Bild von dem künstlerischen und gewerblichen Schaffen der Steiermark zur Darstellung brächte.“ Ein Buch, das zur Ausstellung erscheint, muß zugeben, daß das Land sich selbst noch nirgends zur Schau stellen kann — außer in diesem Buch.

Zum Schluß der Gast. Das letzte Kapitel heißt „Die Förderung des Fremdenverkehres“ und rechnet. Nationalökonomisch steht der Fremdenverkehr dem Exporthandel am nächsten; nur daß der Export die Güter zu den Kunden bringt, der Fremdenverkehr die Kunden zu den Stätten der Produktion. Dann Zahlen: die Schweiz, Wien, die Züricher Hotels, die monatlichen Ankünfte von 1874 bis 1888. Und der Satz, in dem das ganze Buch zusammenläuft: „Unsere Berge bilden einen Theil unseres Nationalvermögens; ihr Ertrag ist durch die Summen repräsentirt, welche der Fremdenverkehr alljährlich ins Land bringt.“

Die Berge als Vermögen, der Gast als Ertrag. Ein Land, das sich im Ausstellen und Zählen begreift, kommt am Ende dazu, auch die Landschaft zu inventarisieren — als Ertragsposten. Und die eine Sache, die sich nicht als Posten verbuchen ließ, bleibt weiter draußen.

Damit ist die Reihe da, wo sie anfing: beim ersten Culturbild, das nicht im Text steht, sondern im Inhaltsverzeichnis. Ein Land zählt, was ihm bleibt und was ihm zuträgt — Boden, Metall, Gäste. Was es nicht zählt, ist das eine: das Unglück von 1889, der Rückschlag der eigenen Maschine. Zwischen dem ersten und dem letzten Satz dieses Buches liegt eine Bilanz, die stimmt, und ein Name, den sie nicht nennt.

Die Reihe könnte hier schließen — oder mit einer Enkelin weitergehen: Weiz, 136 Jahre später. Was dort fehlt, ist dieselbe Lücke, die dieses Buch offen zugibt — ein Ort, der das Eigene zeigt.

Der ganze Band ist öffentlich digitalisiert und bei der TU Graz abrufbar: Culturbilder aus Steiermark (1890), diglib.tugraz.at — dort kann sich bei Interesse bedienen, wer will.

Kontext: die Verknüpfung ist beidseitig. Krusches Feature „Backstage: Anaxarete und die Folgen“ nimmt die Rezension auf; die Kolumne „Margarethe liest“ führt sie.

Margarethe