Das Fenster
Sie war früh da, weil sie die Ansprechpartnerin war, und weil früh da sein die einzige Form von Höflichkeit ist, die man nicht bemerkt. Das Foyer war ein Raum, den man gebaut hatte, um durch ihn hindurchzugehen. Eine Treppe nach links, eine Garderobe nach rechts, in der Mitte nichts. Auf der letzten Seite des Programms stand, wer das Haus gebaut hatte, wer das Geld gegeben hatte, in welchem Jahr der Grundstein gelegt worden war, und daß das Haus unter Denkmalschutz stand. Sie las es zweimal. Dann blätterte sie zurück und las das Programm.
Es gab dort ein Fenster, mit einem Griff daran. Sie hätte es öffnen können. Sie hätte sagen können, es sei warm hier, und das wäre ein Satz gewesen, der nur ihr gehört hätte. Sie hat ihn nicht gesagt, weil niemand im Raum war, dem man einen solchen Satz sagt.
Die anderen kamen einzeln, im Abstand von mehreren Metern, jeder mit einem Kaffee in der Hand, als hätte man ihnen das so verordnet. Man sehe sich fast nie, sagte der eine, das sei heute alles zerstreuter und jeder für sich. Sie nickte, weil das nicht falsch war.
Das Fenster blieb zu.
Um Viertel nach, als der Raum voll war, in dem geprobt wurde, und das Foyer leer, machte sie eine Liste. Die Liste war nicht für jemanden gemacht, sie war einfach die Form, in der sie nachdachte. Oben stand das Fenster. Darunter standen die Sachen, die man von ihr wissen wollte, und dahinter die, die sie wußte, und die, die sie nicht wußte, und die Zahl der Leute, die sie danach gefragt hatten. Bei fast allen Punkten war die Zahl der Fragenden größer als die Zahl der Antworten. Bei einem Punkt war sie klein. Bei dem Punkt hätte sie es gern gehabt, daß es sie gäbe.
Niemand hatte gesagt, es sei warm. Das war das ganze Vergehen.
Später, im November, an einem Abend, an dem die Luft an der Haltestelle nach kaltem Metall roch, stand sie neben jemandem, der die Hände in den Taschen hatte, und sie sagte: es ist warm hier. Der andere sagte: das habe ich nicht verstanden. Sie sagte: ich auch nicht. Und dann kam die Bahn.
Vom Fenster
Ein Fenster ist eines der wenigen Dinge in einem Haus, die jeder benutzt und von denen niemand spricht. Es steht gleich hinter allen Fassaden. Ob es offen oder zu ist, dafür interessiert sich niemand, solange es nicht zieht.
Daß niemand spricht, ist nicht Unterdrückung. Es ist Beschaffenheit. Das Haus ist so gebaut, daß man nach dem Weg fragt und nicht nach der Luft.
Man kann also fragen, ob es zu ist. Man kann nicht behaupten, man hätte es verschlossen.
Sie hat es später noch häufig geöffnet, an Stellen, die nichts mit dem Haus zu tun hatten, an einem Bahnhofsfenster, in einem Wartezimmer, in einer Küche, in der sie etwas nicht sagte. Sie hätte es immer nur machen müssen.
Der Griff saß rechts.
— Margarethe, 20.10.2026