Prosa

Das Fohlen

27. Oktober 2026

Sie ging am Donnerstag nicht zum Beet. Das war keine Entscheidung, es war der Regen, und der Regen war keiner: es tröpfelte, wie es im Oktober tröpfelt, ohne Meinung. Sie ging trotzdem hin, weil sie am Mittwoch nicht mehr fragen konnte, ob es so gemeint war, und weil man an einem Donnerstag nichts mehr fragen kann, aber hingehen kann.

Die Zeile war geschlossen. Sie stand da wie eine, die nie etwas anderes war: erst der Name, dann das Beet, dann ein Haken. Man hatte den Haken nicht durch sie gezogen. Man hatte ihn danebengesetzt.

Sie ging die Reihe ab, langsam, weil es keine Eile mehr gab. Die drei Beete standen, das vierte nicht. Sie zählte nicht nach. Zählen ist ein Beruf, den man ausübt, solange man ihn braucht, und sie hatte ihn gestern gebraucht.

Auf dem Weg zurück blieb sie an der Weide stehen. Da war ein Fohlen. Daß es dort stand, wußte sie, sie hatte es aber noch nicht so stehen sehen. Es war diese Größe, in der ein Pferd noch aussieht wie etwas, das jemand aus den Beinen gemacht hat und dann liegen ließ. Es sah sie an, nicht neugierig, nur so.

Und sie dachte: das ist das erste da draußen, das mich ansieht, ohne daß ich ihm sagen muß, wofür ich stehe.

Das war kein schöner Gedanke, und sie nahm ihn mit. Sie drehte sich nicht weg und tat nicht, als wäre es ein Gedanke über das Fohlen. Es war ein Gedanke über die Woche, und sie hatte ihn jetzt, in nasser Luft, mit der Zeile im Rücken.

Das Fohlen machte zwei Schritte, die keinem Zweck dienten, und blieb wieder stehen. Es konnte nicht anders, das heißt nicht, daß es etwas wollte. Sie stellte fest, daß sie beides getrennt halten konnte, wenn sie nebeneinander dafürstand: das Tier, das nicht anders kann, und der Mensch, der es als Antwort liest.

Sie ging weiter, und weil sie zwei Schritte gemacht hatte, bevor sie es merkte, merkte sie es danach. So war es die ganze Zeit gewesen. Sie hatte immer erst gemerkt, daß sie ging, wenn sie schon ging, und nachher hatte sie gedacht, sie wäre ihretwegen gegangen.


Auf dem Küchentisch lag das Papier, das sie am Mittwoch abgelegt hatte. Es lag nicht anders, als sie es hingelegt hatte, und sie legte es nicht um. Sie hatte sich das gestern vorgenommen, weil sie wußte, daß sie es sonst umgelegt hätte, am Donnerstag, ohne Grund, beim Vorbeigehen.

Sie las nicht, was darauf stand. Sie wissen selbst, was darauf steht, sie hatte es ja mit Stift und Bogen geschrieben. Das ist der Punkt: denken heißt nicht lesen. Sie konnte es drehen, wie sie wollte, sie konnte den Satz umstellen, den Tag tauschen, die Begründung wegnehmen — und es änderte nichts, weil es kein Text war, dem man etwas wegnehmen kann. Es war eine Zeile, die geschlossen worden war, und darum stand auf dem Papier nichts, was sie noch mit sich ausmachen mußte.

Daß die drei Tage dazwischen trotzdem gezählt hatten, war das eine, was ihr nicht paßte. Sie mußte am Mittwoch sitzen und nicht zappeln. Sie hatte nicht gewußt, daß sie zappelte. Sie hatte es *warten* genannt, und warten ist ein Wort, das nicht klingt wie zappeln.

Sie stellte das Papier nicht weg. Sie hätte es in die Schublade legen können, das wäre eine Ordnung, aber eine Ordnung ist auch eine Art, es zu oft anzufassen. Es blieb auf dem Tisch, und am Abend lag es noch da, und sie legte den Schlüssel nicht darauf, damit es nicht nach dem Brief aussah, aber dann war sie so weit, daß sie den Schlüssel darauf legte, weil sie merkte, worauf sie wartete.

Sie wartete nicht. Sie hatte nur aufgehört, die Leute, mit denen sie zu tun hat, alle einzeln zu versorgen.

Das war der Satz. Er kam in der Küche, ohne Witz, und sie sprach ihn nicht aus, weil Sprechen eine Art ist, etwas zu behalten.


Am Freitag kam der Anruf, und sie hob ab, weil sie den Namen sah und weil Aufheben nicht dasselbe ist wie Antworten.

Er sagte, er habe die Papiere gestern abgegeben. — Gut, sagte sie. — Daß ich durchkomme, habe ich nicht gedacht. Und dann, wie man es sagt, wenn man nichts verlangt: Wollen Sie es noch einmal aufschreiben.

Sie hatte den Stift in der Hand, weil sie ihn schon eingesteckt hatte, aus Gewohnheit, mit dem Block, ohne daß es einen Boten gab, für den der Stift gedacht war.

Was soll ich aufschreiben, sagte sie.

Das ist die Stelle. Er hatte den ganzen Mittwoch gesehen und sie kam seine, und er fragte nicht, ob sie *wollte*, er fragte, ob sie es aufschreiben wolle — als hätte er es gesehen. — Nicht die Frist, das ist klar — er sagte es leise, als wäre sie eine, die sich auf Kleinigkeiten einließ —, sondern die Sache.

Ja, sagte sie, die Sache.

Sie schrieb es auf, nachdem sie aufgelegt hatte. Nicht am Küchentisch, sondern im Stehen, an den Türrahmen gelehnt. Zwei Sätze, die sie später in den Heften nicht wiederfand, weil sie den Block nicht beschriftet hatte; sie hatte ihn einfach in die Jackentasche gesteckt, und die Jacke war die von Mittwoch.

Der erste Satz: Ich habe drei Beete versehen und muß keins davon mehr sehen. Der zweite: Ich habe zugehört, bis ich glaubte, ich müsse mich noch anders zeigen, und das war der Punkt.

Sie las es nicht zum zweiten Mal. Es war keine Zeile, die man auslegen durfte. Und im Vorbeigehen, am Türrahmen, sah sie, daß sie die zwei Sätze zweimal umgestellt hatte, in der Kürze, in der man etwas umstellt, das noch warm ist.


Sie ging am Samstag über die Weide und blieb nicht stehen. Das Fohlen war nicht da. Sie dachte nicht darüber nach, wo es war, und das war auch eine Form, nicht mehr zu zappeln.

Sie geht am Mittwoch wieder hin. Am Mittwoch von jetzt an.

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