Das letzte Mal ein Spaß
Das dritte Loch ist nicht gebohrt worden.
Er hat es am Montag darauf gesehen, von der Straße aus, durch das Fenster, an dem das Papier noch klebte. Der Fleck war nur ein Bleistift und ein bißchen verwischt, aber ein Bißchen reichte, weil er wußte, wo das Papier abgenommen worden war, und der Bleistift lag an demselben Fleck, nur ohne Fenster dazwischen. Man sieht einen Strich nicht besser, weil das Glas weg ist.
Er hatte in der Sache nichts zu sagen. Es war nicht seines.
»Du hast ihn unterbrochen«, sagte sie, als er es ihr erzählte, und er sagte nein, er habe nichts gesagt. Ein Maßband, das dazwischengeht, ist auch eine Unterbrechung, wenn Arbeitsgänge aufeinander warten. Aber er konnte ihr nicht erklären, warum er es nicht gemeldet hatte, weil die Erklärung »weil ich ihn unterbrochen hätte« etwas voraussetzt, woran er bis dahin nicht gedacht hatte: daß es überhaupt Arbeit gibt, die ohne Unterbrechung hintereinander stattfinden muß, sonst ist sie keine Arbeit, sondern vier Hände an einem Fleck.
Er blieb stehen, die ganze Woche, er betrachtete es, ohne es zu betreten.
Einmal kam der vom Fenster heraus, um etwas aus dem Wagen zu holen, und sah, daß er stehengeblieben war, und blieb auch stehen. Sie standen da und sahen beide in das offene Fenster hinein, wie man an einem Tag ans Wasser steht, nicht um etwas zu tun.
»Muß man das?«, fragte er.
»Wird jedenfalls so gemacht.«
»Und alles danach?«
»Alles danach nicht mehr so.«
Er hielt das für eine Auskunft, und er merkte erst am Abend im Haus, daß er etwas gefragt hatte, auf das zwei Antworten möglich gewesen waren: eine über Arbeitsgänge und eine über alles danach. Er hatte die zweite bekommen, weil sie sich aufdrängte. Man merkt es erst im Brechen, nicht im Gespräch.
Er dachte darüber nach, was geschähe, wenn er es meldete. Dann würde jemand fragen, wer er sei, und wenn er darauf antwortete, würde niemandem etwas daran auffallen, und es gäbe nichts zu wissen. Er meldete es nicht.
Am Samstag war das Papier abgenommen.
Er ging hin und sah sich das Fenster an, und daneben, ein Stück tiefer und zur Seite, stand der mit dem Karren und verkaufte kleine Bäume, die in Säcke gewickelt sind, feucht wie Gemüse. Er fragte, wie viele auf einen Meter gingen, und wurde vom Aufmaß ins Beet geführt, ohne Aufnahme irgendwo, und er hörte sich selbst die richtige Frage stellen und dachte hinein: das ist kein Vorgang. Das ist ein Beet.
»Setzt man sie so nah, daß Ihr beim Harken anstoßt«, sagte er. »Ist es ein Beet, und wenn sie wirklich anwachsen, stehen sie verkehrt und gehen ein.«
»Wenn Ihr wollt«, sagte der mit dem Karren und schaute nach seiner Hand, »richte ich mich nach dem Geländer, dann bleibt ein Weg.«
Er richtete sich nach dem Geländer, nicht nach dem Aufmaß, sondern nach dem Geländer, blies in die Hände wie zum Stoßgebet, und am Ende bedankte sich der mit dem Karren für einen Rat, den er sich selbst gegeben hatte.
Am Montag danach stand er wieder in der Reihe vor dem Fenster, vier Schritte weiter an der Wand, als er sonst stand, weil das Papier abgenommen war und er sehen wollte, wie weit man es von hier sieht.
Die Frau am Empfang sagte, der Karren stehe noch da, sie habe ihn zweimal gesehen, und sie ging zur Digitalkamera, um es aufzunehmen, und er wußte, das wird nicht halten. Der Händler war am Donnerstag gestorben.
Daß jemand sieben Bäume zu nah an ein Geländer setzt und dabei an nichts anderes denkt als an das Harken, das hätte die Kamera nicht gesehen. So sieht es nur, wer dabeigestanden ist, und zum Dabeistehen muß man den Fleck an der Wand gekannt haben, bevor das Papier weg war. Er kannte ihn. Er war der einzige in der Reihe, der ihn kannte, und er sagte nichts, weil eine Auskunft über einen Fleck an einer Wand keine Auskunft ist, sondern eine Frage darüber, wie man an so etwas kommt.
Es war das letzte Mal ein Spaß gewesen, und beide hatten es gewußt, und jetzt wußte es keiner mehr allein.
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