Prosa
Der Bogen
4. November 2026
Der Umschlagbogen lag über drei Stanzen gezogen, die ihm zu einer Art Lesepult zusammengeschraubt waren, und am vierten Tag fiel ihm auf, daß er ihn nicht mehr ansah. Er zog das Blatt durch, als wäre es eine Wand, an der man entlanggeht, ohne hinzusehen, und nicht ein Ding, das sich unter der Hand bewegt. Er hielt an, mitten im Zug; die Vorschubtrommel tickte noch zwei Runden weiter.
Er legte die Hand flach auf das Papier. Das war eine Anweisung an sich selbst, die er in der zweiten Woche auswendig konnte: nicht drüberziehen, liegen lassen, von innen nach außen arbeiten. Er zählte bis zwanzig. Es war kalt, wie Papier bei dieser Jahreszeit immer kalt war, wenn es über Nacht in der Werkstatt gelegen hatte, und unter der Handmitte wurde es langsam warm, und dann hörte er auf zu zählen, weil er beim Zählen schon wieder über die Kanten nachdachte.
Dann nahm er den Kleister und strich die Anleimung an der langen Kante mit dem Zeigefinger glatt, von der Mitte nach außen, einmal nur. Das Papier war noch warm von seiner Hand. Er legte die Handfläche darauf und zählte; diesmal hörte er auf, bevor er über die Kanten nachdachte.
Er zog den Bogen zur Seite, steckte die Klemme um und hängte das Papier an die Wand, an einen Haken, an dem sonst die Lehre hing.
Die Maschine war von 1961 und hieß nicht so, wie sie war. Das Schild darauf war in den Neunzigern neu gekommen, weil die Dresdner und die Leipziger einander fünfzig Jahre lang in die Listen geschrieben hatten, was sie lieferten, und beim Zusammenlegen zwei Nummernkreise übriggeblieben waren, die niemand mehr auseinanderhalten konnte. Seit dem Schild hieß sie Typegröße drei, und das stimmte nur für den Teil, den man auf dem Schild sah.
Er hatte sie übernommen mit einem Karton Schildchen. Fünfundzwanzig Handschriften waren verzeichnet, vierzehn davon nur nach einem Buchstaben, und in der Lade, die »Nr.« hieß, lag eine Mappe, auf der stand: fertig. Fertig war das Wort, das der letzte Mann hingeschrieben hatte, wenn er nicht mehr weiterwollte und es nicht zugeben mochte; danach kam niemand mehr an die Mappe. Er hatte das herausgefunden, indem er in jede hineingesehen hatte. Fertig war nichts.
Er nahm den Bogen an der langen Kante hoch und hielt ihn gegen das Fenster. Die Anleimung war an der einen Ecke noch feucht. Die Anleimung durfte nicht trocknen, bevor das Papier lag — war sie zu früh trocken, brach die Falz, wo sie wollte. War sie feucht, hielt sie.
Er hatte sich angewöhnt, in der Reihenfolge der Maschine zu arbeiten, nicht in der der Mappe. Die Mappe war nach Nummern geordnet, die Reihenfolge der Maschine war nach Handschrift, und wenn man die zwei durcheinanderbrachte, kam man an eine Stelle, an der von einer Sache zwei Ausfertigungen da waren, die eine alt, und man wußte nicht, welche die neue war, und legte sie zurück in der Meinung, es sei etwas geordnet.
Er hatte das dreimal getan. Beim dritten Mal kam er vor dem Regal zum Stehen und dachte nicht: ich muß ordentlicher sein. Er dachte: ich muß ein Verfahren schreiben. Er nahm ein Blatt aus dem Papierstapel, also dasselbe Papier, das er bearbeitete, und schrieb einen Punkt darauf, einen einzigen, weil ein Verfahren, das man sich in drei Punkten vornimmt, ein Verfahren ist, das man nicht einhält. Der Punkt war: erst hinsehen. Wieviel Zeit es kostet, war danach die Frage, nicht davor.
Er klebte das Blatt an die Maschine, neben das Schild.
Am Nachmittag kam eine Anfrage. Nicht von einer Kundin, sondern von der Stelle, die die Kundin vertrat. Man fragte nach einer Handschrift aus jener Lade, und man fragte nicht nach ihr, sondern nach einer Auskunft zu ihr, die als Brief schon da war und offenbar geschrieben worden war, ohne daß jemand die Handschrift angesehen hatte.
Er hatte es früher selbst getan, gern und viel — er hatte Briefe geschrieben, aus denen hervorging, wie eine Sache zu lesen war, und er hatte dabei die Sache selbst nicht auf dem Tisch gehabt, nur ihre Nummer. Er hatte nie gedacht, daß das ein Fehler war. Er hatte gedacht, es war Umgang, und Umgang wird nicht nachgeprüft.
Er nahm die Handschrift aus der Lade und las sie. Das waren vier Stunden, die er nicht berechnet hatte und die er nicht in Rechnung stellte.
Er schrieb die Antwort nach Mitternacht.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Handschrift lag mir vor.
Zu ihr kann ich Ihnen noch nichts Bestimmtes sagen.
Ich bitte um etwas Zeit.
Mit freundlichen Grüßen
Er klebte den Brief nicht an die Maschine, sondern in die Mappe, und hinten auf den Umschlag schrieb er das Datum. Nicht das Datum des Briefs. Das Datum, an dem er die Handschrift in der Hand gehabt hatte.
Am nächsten Morgen war der Bogen fertig zu ziehen, und er zog ihn durch. Dabei sah er ihn an.
Auf dem Blatt an der Maschine stand er noch da, und er brauchte ihn nicht.