Prosa
Die Bahn
2026-11-03
Der Zug fuhr um fünf Uhr zwanzig. Die Frau im Abteil hatte nichts zu lesen mitgenommen, weil sie annahm, sie würde schlafen. Sie schlief nicht. Sie saß mit der Stirn an der Scheibe und sah zu, wie das Land vorbeiging.
Sie hatte den Zettel vor sich auf den Knien liegen; er war in der Mitte gefaltet und an der Falzkante schon weich, weil sie ihn zu oft aufgemacht hatte. Fünfzehn auf zehn Zentimeter. Solche Maße kannte sie ohne Lineal, weil sie ihre Post in einem Umschlag dieser Größe bekam und das Format nie wechselte, seit zwanzig Jahren nicht.
Auf der Bank gegenüber saß ein Mann. Sein Gepäck war doppelt gesichert, mit einem Riemen und einem zweiten Riemen um den ersten. Die Jalousie klemmte in halber Höhe. Hinter dem Doppelfenster stand ein Haar senkrecht, das jemand beim Wischen so erwischt hatte; es bewegte sich nicht.
Sie hatte eine Aufgabe, und sie hätte sie beschreiben können, ohne einen Namen zu nennen: ankommen, sich anmelden, eine Stunde warten, an eine Tür klopfen. In der Tür sollte jemand stehen, dem sie einen Zettel mit drei Angaben zu lesen geben konnte. Den Zettel hatte sie unterwegs geschrieben, auf einem Bogen, den sie am Rand des Tisches abgezählt hatte: achtzehn Zeichen paßten in eine Zeile. Sie zählte die Zeichen, weil sie sonst nicht wußte, wo sie anfangen sollte, und schrieb erst, als die erste Zeile maß. Drei Angaben und ihre Rubriken füllten eineinhalb Zeilen; die letzte Angabe endete in der Mitte der zweiten, danach blieb die rechte Hälfte leer. Der Zettel war gültig.
Sie hatte das Wort »gültig« nie gemocht.
In der Steiermark fing es an zu regnen, und die Scheibe wurde ein Spiegel. Sie merkte es nicht sofort: der Regen war so fein, daß er nicht tropfte, sondern nur die Flächen gegeneinander verrückte. Man sieht dann nicht hinein und nicht hindurch. Man sieht sich selbst, und was man für die Landschaft gehalten hat, ist das eigene Gesicht.
Sie nahm die Stirn von der Scheibe weg. Der Fleck blieb, und es war nicht ihr Fleck, sondern der Ort, an dem ihre Stirn gewesen war: der Fettfilm der Haut, der nach einiger Zeit verdunstet. Daß man Spuren hinterläßt, ohne es zu wollen, hatte sie gewußt. Was sie nicht gewußt hatte: wie schnell sich eine Spur von ihrer Ursache löst.
Der Mann hatte die ganze Zeit geschwiegen. Jetzt sagte er, ohne sich zu ihr zu drehen: »Sie haben falsch gekurbelt.«
»Ich habe überhaupt nicht gekurbelt.«
»Dann war es das Klemmen.« Er sprach weiter in die andere Richtung. »Man macht das mit einem Ruck und dann eine halbe Drehung zurück. Nicht gleichmäßig. Gleichmäßig geht nicht — das ist ein Bajonett, kein Fenster.« Dabei sah er auf die Scheibe, nicht sie an.
Sie drehte sich um. Er hatte die Jacke auf dem Sitz neben sich liegen, daher war die halbe Bank über ihm leer.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich bin zehn Jahre mit sowas gefahren«, sagte er. »Fernzug. Die Geräte klemmen irgendwann. Es ist keine Kunst, aber es ist auch nicht egal.« Er war alt, ohne alt zu sein: einer, der sich für das, was er einmal mit den Händen gemacht hatte, kein zweites Mal interessierte. Er hatte den Riemen am Gepäck noch nicht gelöst und würde ihn auch nicht lösen.
Der Zug hielt, und es war nicht ihr Halt. Sie stand trotzdem auf.
»Wem zeigen Sie's?« fragte er.
»Einem Herrn in einem Büro. Er ist um sieben im Haus.«
»Und wenn er's liest und es bedeutet was Schlimmes?«
»Es bedeutet nichts Schlimmes. Es bedeutet: ich bin gemeldet.«
»Dann lassen Sie's bleiben.«
»Ich kann nicht mehr. Es steht im Band. Ich habe es abgeschrieben und selbst eingetragen.«
Er schwieg eine Weile. Dann zuckte er mit der Schulter, kurz und ohne Bitterkeit, so wie jemand, der nicht gefragt war.
Und als sie schon wieder saß, fünf Sitze weiter in die Gegenrichtung: »Die Scheibe hätt ich liegen lassen.«
Sie sah ihn an und begriff erst dann, daß der Satz ihr galt.
Sie setzte sich hin. Der Kurbelgriff ließ sich drehen. Sie drehte ihn eine halbe Umdrehung zurück. Es saß.
Der Zug hielt noch einmal, und diesmal stieg sie aus. Sie stieg nicht aus, weil es ihr Halt war — sie wollte nachsehen, ob es etwas verändert, den falschen zu nehmen. Der Bahnsteig war nach Süden offen, warmer Wind, ein Schild, das den Ort mit der Nummer nannte, auf die sie zwei Stunden gewartet hatte. Sie stand dort und rauchte nicht, weil sie nicht rauchte. Sie hätte gern etwas getan, das dem Stand entspricht.
Als sie wieder einstieg, war der Mann fort.
Sie kam um sieben Uhr dreißig an, eine halbe Stunde nach der Zeit, die sie genannt hatte, und meldete sich an, wie man sich anmeldet. Dann saß sie eine Stunde und hatte die Hände ruhig. Dann klopfte sie an eine Tür, auf der ein Namensschild war.
Der Mann, der öffnete, nahm den Zettel und las eine Minute lang. Sie hörte den Regen.
»Das sind nicht drei Angaben«, sagte er. »Das sind zwei.«
Sie sah auf den Zettel. Es stand da. Sie erinnerte sich nicht, hingesehen und gezählt zu haben. Gezählt hatte sie, Zeile um Zeile, die Zeichen; die Angaben hatte sie geschrieben, wie sie kamen, und nie nachgezählt. Sie erinnerte sich an das Falten, deutlich, an ihren Daumen auf der Kante.
Er hielt den Zettel über die Kante der Tischplatte und zog ihn darüber, bis er sich bog. Dann strich er zweimal mit dem Daumen nach und gab ihr den Zettel so zurück. Die Falzkante war in der Mitte dünner und am Rand des Runds heller. Sie sah es, als er losließ. Sie hielt den Zettel an die Kante und maß bis zum nahen Rand des Runds: fünfzehn auf zehn, an der Falz um zwei Millimeter kürzer, so genau ließ sich das nicht sagen. Hielte sie ihn wieder hin, käme sie wieder dorthin. Die Kante ließ sich beliebig oft nachmessen. Die fehlende Angabe fand sie nicht wieder.
Sie schlief in einem Haus gegenüber dem Bahnhof. Um halb fünf fuhr ein Zug; sie hatte nicht vor, ihn zu nehmen. Sie nahm ihn.
Sie saß mit der Stirn an der Scheibe, und die Scheibe war sauber, und die Jalousie ließ sich kurbeln. Gegenüber, wo der Mann gesessen war, hatte jemand mit einer Münze etwas in den Tisch gekratzt: Striche, in Bündeln, mit Querlinie. So rechnet man ab, wenn man nicht mitrechnet. Wer es war, ließ sich nicht feststellen; es ließ sich nicht einmal feststellen, ob es heute war.
Sie legte den Zettel in das Buch, das sie nicht gelesen hatte, und machte das Buch zu.