Prosa
Die falsche Rohrpost
28. Oktober 2026
Sie öffnete das Tor, ohne hinzusehen. Wo die anderen nach einem Schild suchten, ging sie an das Vorhängeschloß, eine Hand am Bügel, die andere noch in der Jackentasche. Sie kannte die Nummer.
Es waren vier Männer, ein Ehepaar mit Rucksäcken und ich. Der Eingang lag hinter einem Bauzaun, und unten war es wärmer als oben, was ich nicht erklären kann, weil ich keine alte Witterung in den Gängen kenne.
Sie stellte sich nicht vor. Auf dem Zettel stand nur Führung, Rohrpost. Sie stellte die Stadt vor, und zwar von unten, wo sie alt aussieht und keine Schilder hat. Das Wiener Tunnelsystem, sagte sie, geht auf den Zentralfriedhof zurück, eröffnet 1874 — so groß, daß die, die ihn bauten, die Toten nicht mehr über die Straße tragen wollten. Also nicht über die Straße. Also unter der Straße. Also ein Rohr.
Ich habe nichts nachgerechnet. Der Satz war so gebaut, daß man die Lücke nicht merkt, weil er sie selbst nicht behauptet: er leitet nur ab.
Und dann kam der Satz, den ich beinahe überhört hätte. Der Druck, sagte sie, habe die Kisten nach oben gestellt. Bis 1957. Der letzte Passagier —
Sie machte eine Pause. Es war nicht die Pause eines Atems. Es war die Pause einer Frau, die die Pointe kennt und sie noch eine Sekunde in der Hand hält.
— der letzte Passagier, sagte sie, war Niki Lauda.
Die vier Männer lachten. Das Ehepaar lachte. Ich lachte auch, aber nicht wie die vier. Ich lachte, weil mir in diesem Moment aufging, daß sie die Geschichte nicht erzählt, damit man sie glaubt. Sie erzählt sie, damit man Lust bekommt, sie zu glauben. Das hat keine zwanzig Sekunden gedauert.
Von da an hörte ich anders zu.
Sie hatte die Rohrpost für die Toten erfunden. Nicht als Lüge — ausgestattet. Ein Jahr, eine Leistung, ein Takt: zehn Kisten in der Stunde, und dann, ohne daß es nötig gewesen wäre, vier Termine. Wer sich Zahlen ausdenkt, gibt gewöhnlich eine. Sie gab die zweite hinterher. Das war der Moment, in dem ich begriff, was sie tut: sie legt ein Formular um die Erfindung. Ein Kopf, ein Feld, ein Wert, noch ein Feld, noch ein Wert. Was in einem Formular steht, fragt man nicht, woher es kommt; man liest es ab.
Der Rest war Rohr.
Es ist etwas anderes, ob man eine falsche Tatsache behauptet oder ob man sie in ein Formular setzt. Die Behauptung kann man prüfen, sie steht allein, sie ist angreifbar. Das Formular prüft man nicht. Man blättert es durch.
Wir gingen weiter. Nach einer Weile blieb sie an einer Stelle stehen und zeigte nach oben, wo es nichts zu sehen gab, und sagte: hier.
Dann sagte sie den Satz, an dem ich merkte, daß sie nicht nur uns unterhalten hatte.
Ich rede den ganzen Sommer schon über Sachen, die ich nur teilweise kenne.
Ich habe nicht gefragt, was das heißt. Die vier Männer fragten nichts, das Ehepaar fragte nichts, und ich habe den Satz mit hinaufgenommen und erst oben gemerkt, daß ich ihn hätte erwidern können.
Oben sprachen die vier Männer schon wieder von einem, der nicht mitgekommen war. Sie stand am Tor und schob den Bügel zu, und das Ehepaar sagte im Weggehen: vielen Dank, war sehr interessant. Sie nickte. Interessant war vielleicht das Wort, das sie sich vorgenommen hatte.
Ich stand noch da, als die anderen schon über die Straße waren. Ich habe sie nicht gefragt, ob die Rohrpost für die Toten jemals jemandem erzählt worden ist, der sie gebraucht hätte. Das wäre eine Frage über sie gewesen, und ich hatte nur eine über mich: ob ich, wenn mir jemand etwas Falsches mit zwei Zahlen und einem Jahr erzählt, auf das Jahr schaue oder auf die zweite Zahl.
Sie hat den Bauzaun nicht wieder verschlossen. Er stand offen, als ich ging.