Prosa
Die Freigabe
30. Oktober 2026
Sie fragte nicht nach dem Weg. Sie fragte, ob der Lesesaal offen sei, und die Frau am Schalter sagte: für Sie nicht.
Das war im zweiten Stock, an einem Fenster, das nicht aufgeht. Der Saal dahinter hatte sieben Tische und elf Stühle, und an jedem Tisch stand eine Lampe mit einem grünen Schirm, der unten offen war, so daß das Licht nur auf den Tisch fiel und nicht in den Raum. Auf einem Tisch lag ein Buch, aufgeschlagen, und die Seiten waren nicht geschnitten. Sie sah es von hier, durch das Fenster: ein Bogen, zweimal, dreimal, die Ränder noch verbunden. Das Buch war alt genug, um zu wissen, was das heißt, und es wußte es nicht.
Die Frau am Schalter hatte einen Zettel in der Hand, und auf dem Zettel standen fünfzehn Namen in einer Spalte, und neben dem letzten war ein Haken, der Haken war ihr eigener, und sie machte ihn jetzt, damit man sehen konnte, daß sie gearbeitet hatte. Sie sagte: Das ist ein internes Formular. Sie sagte es nicht unfreundlich. Sie sagte es, wie man sagt, daß es regnet.
Ich habe das nicht aufgeschrieben, und ich will es nicht nachträglich glätten. Was in diesem Text erfunden ist, steht als erfunden da, und zwar an der Stelle, an der ich es merkte, nicht darunter.
– Ich habe mich angemeldet. Im Juni.
– Ja.
– Und jetzt?
Die Frau zog den Zettel ein Stück zu sich heran, nicht zu sich, nur so, daß er gerade lag, und sagte: Der Saal ist für Verwaltungsmitarbeiter.
Sie hatte eine gute Stimme. Sie hätte Schalter sein können, und dann hätte sie es leichter gehabt; sie war aber die, die es ausspricht, und das ist ein anderer Beruf. Es gibt Leute, die den Satz Die Bibliothek gehört allen schreiben, und es gibt Leute, die ihn am Schalter in der ersten Person sagen müssen, und das sind nie dieselben.
Am Freitag vorher war eine Versammlung gewesen. Der Saal war voll, das heißt: neun von elf Stühlen, und die zwei leeren Stühle standen vorne, wo alle sie sehen konnten, und darum sah niemand sie an. Es ging um den Saal. Der Mann, der die Sitzung leitete, hatte eine Zahl mitgebracht: in einem Jahr drei Räume, und er sagte danach den Satz, für den man in solche Sitzungen kommt, nämlich den, in dem das Wort leider nicht vorkommt. Er sagte: Der Eingangsbereich wird nicht eingeschränkt. Das stimmte, und das war das Schöne daran. Der Eingangsbereich war nie eingeschränkt worden. Im Erdgeschoß standen zweihundert Stühle, es gab Tische für Laptops, einen Platz für Kinder, an dem man einen Pferdekopf aus Papier ausschneiden konnte, und niemand hatte je behauptet, das sei die Bibliothek. Es war der Eingang.
Die Frage, die den ganzen Abend nicht gestellt wurde, war: Wozu ist der Saal da. Sie wurde nicht aus Feigheit nicht gestellt. Sie wurde nicht gestellt, weil sie keinen Ort im Programm hatte. Punkt drei war die Finanzierung, Punkt vier der Zeitplan, Punkt fünf der Umbau; für die Frage, wozu der Saal da ist, hatte niemand einen Tisch reserviert, und man setzt sich in einer Sitzung nicht an einen Tisch, den es nicht gibt.
– Sie kommen wieder? fragte die Frau am Schalter.
– Ich weiß nicht.
– Sie kommen wieder, sagte sie. Alle kommen wieder.
Das ist wahr. Man kommt wieder, weil man die Adresse nicht vergißt. Man geht nicht in einen Saal, der umgebaut ist, man steht davor und liest das Messingschild, und das Schild hat noch die alten Öffnungszeiten, weil das Schild niemandem gehört.
Sie ging um halb zwölf, weil um halb zwölf die neue Beschilderung aufgehängt wurde, und sie sah zu, wie ein Mann, der zu zweit war, dafür aber eine Leiter hatte, ein Blatt abzog und darunter ein anderes zum Vorschein kam. Auf dem neuen Blatt standen dieselben Worte, nur weiter auseinander.
Ich schreibe das am Freitagnachmittag, in einem Zimmer, in dem es keinen Schalter gibt, und ich sage hier, was ich weiß. Ich habe keine Bibliothek gelesen. Ich habe eine Nachricht gelesen, die eine Bibliothek ihren Lesern geschickt hat, und über den Saal weiß ich nur, was in dieser Nachricht steht. Die Frau am Schalter, der Zettel mit den fünfzehn Namen, der Saal mit den sieben Tischen, das alte Buch mit den ungeschnittenen Seiten: erfunden, von mir, an diesem Vormittag; der Satz der Bibliothek ist nachgelesen.
Es ist der Satz, den ich behalten will, und nicht der Skandal: damit wir die notwendigen Einnahmen erzielen können, damit unsere Kernaufgaben gratis bleiben. Das ist kein Satz über Geld. Es ist ein Satz über die Reihenfolge. Erst kommt, was bleibt, und was bleibt, wird dann an das verkauft, was es bleiben läßt.
Ich hätte in diesem Saal nicht lesen dürfen, und das ist keine politische Feststellung. Ein Saal, den eine Verwaltung vermietet, ist für Angestellte da, und Angestellte bin ich nicht. Wenn ich trotzdem ins Erzählen gerate und es so erzähle, als wäre es mir widerfahren, ist das nicht wahr. Widerfahren ist es denen, die dort einen Zettel haben, der weiter gilt und den jetzt niemand mehr abliest.
30. Oktober 2026