Die Schließung

Die Zeile war nicht gestrichen. Wäre sie gestrichen gewesen, hätte man sehen können, wo sie gestanden war. Es war nur kein Platz mehr dahinter, und das ist etwas anderes.

Er hatte es auch nicht bemerkt. Er merkte es erst, als er am Montag darauf sah, weil er wissen wollte, wie viele hinter ihm standen, und statt der Zeile war da nichts. Man sieht nicht, was nicht mehr da ist, man sieht nur, daß nichts mehr kommt, und das ist kein Sehen. Er zählte nicht nach. Er hätte auch nicht zählen können, denn was soll man zählen an einer Stelle, an der nichts steht. Von da an machte er es auf dem Rückweg an der Wand: bis hier, und dann nichts. Am dritten Tag wußte er die Stelle, ohne hinzusehen.

Niemand sprach darüber, aber es war die ganze Zeit im Raum, und an einem Dienstag fragte die Frau am Empfang es ihn, beim Eintragen, zwischen zwei Zeilen: »Und Sie«, sagte sie, »wovon tragen Sie sich?« Er sagte: »Von dem, was ich trage.« Sie schrieb es nicht auf. Es war eine Frage, die nicht im Zettel stand, und sie hatte gelernt, nichts aufzuschreiben, was nicht im Zettel stand, denn das war der Grund, warum sie noch dort war.

Er kannte den Vorgang nicht und fragte deshalb nicht. Am Montag hatte er sich hingesetzt, in einen Stuhl, der zu einem Tisch gehörte, an dem jemand saß, der ihn nicht angesehen hatte. Am Dienstag hatte man ihm gesagt, er solle am Freitag wiederkommen. Am Freitag war es so gewesen wie am Montag. Er hatte gehofft, sie hätten eine Stunde für ihn vorgesehen, und das war kein Verlangen, das war eine Annahme darüber, wie Dinge ablaufen, geordnet, denn ohne diese Annahme hätte er nicht kommen können.

Er saß nicht gern, aber er saß. Dazwischen ging er nach Hause und versorgte, was zu versorgen war, und das war die Arbeit, oder die Arbeit war das andere. Am dritten Abend begann er, die Namen dessen, was er versorgte, in derselben Reihenfolge aufzusagen, in der er sie an der Wand gezählt hätte, und brach mittendrin ab, weil er nicht wußte, ob er jetzt der war, der zählte, oder der, der versorgte.

Am Mittwoch war es dann anders und nicht anders. Dieselbe Tür, dieselbe Frau mit demselben Zettel, aber in der Reihe der Stühle am Fenster, wo er sonst nicht stand, weil das Durchgehen dort schmaler war, stand ein Stuhl mit einer Lehne. Er sagte nichts dazu. Er ging hin und setzte sich. Er half dem, der neben ihm saß, den Stuhl ein Stück heran, weil der Boden dort nachgab und der Stuhl leise ging.

Er fragte den ganzen Nachmittag nicht. Nicht aus Schüchternheit — das Wort war ihm nicht im Weg, das sah er anders —, sondern weil eine Frage den Stuhl zu etwas machte, worüber geredet wird. Das war das erste, was er in diesen Tagen gedacht hatte, das er behielt: ein Stuhl, über den man redet, ist kein Stuhl mehr, er ist ein Vorgang.

Am Abend sprach ihn einer an, im Weggehen, ohne Namen, ohne Gesicht, mit einer Hand immer noch am Türblatt. »Und das?«, sagte er und zeigte nicht auf den Stuhl, sondern auf die Stelle über dem Stuhl, wo die Wand war.

Er sagte: »Das weiß niemand«, und das war die Wahrheit, denn er hatte es am Mittwochmorgen gesehen und am Mittwochabend sah es genauso aus, aber inzwischen hatte einer mehr es gesehen.

Der andere sagte, so etwas vergesse man. Er sagte, so etwas vergaß man nicht, und sie gingen beide die Treppe hinunter, bis vor die Tür, und von da lagen ihre Wege so weit auseinander, daß keiner hätte sagen können, ob der andere den Weg zum ersten Mal ging.

Sie kam am Mittwoch noch einmal an ihm vorbei, und er fragte sie, was sie zu tun gedenke. Sie sagte: »Ich gedenke, nichts zu tun.« Er sagte: »Dann sind Sie ehrlicher als ich.« Es war nicht als Vorwurf gemeint und kam als Kompliment an, und beide wußten nicht, was von beidem es war, und es war auch nicht wichtig, weil am Donnerstag wieder ein Stuhl dastand.

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