Prosa

Die Umkehr

29. Oktober 2026

Sie war eine von denen, die nicht mitgehen. Sie stand am Rand der Straße und hielt die Hände offen, wie man sie offen hält, wenn man nichts anzubieten hat und das auch weiß. Sie hatte eine Decke um die Schultern, die zu schwer war für das Wetter, und sie räumte sie nicht weg, als es wärmer wurde.

Als die Frau nach dem Weg fragte, sagte sie: gerade gehen, dann kommt der Fluß, dann links, dann sind Sie da. Dann erkundigte sie sich, ob die Frau ein Haus suche. Die Frau sagte: ein Haus und eine Ruhe. Sie sagte: Ruhe haben wir hier, einen ganzen Fluß voller Ruhe. Es war Abend, und der Fluß war da, unten, breit und ohne Bewegung, wie ein Pelz.

Dann kam das Wasser.

Es kam nicht als Wand. Es kam auf dem Weg, den die Frau drei Wochen vorher gegangen war. Um vier war der Fluß noch der Fluß. Um halb fünf standen die Leute auf der Straße und sahen nach, ohne Taschenlampe, weil es noch hell genug war, und einer sagte, das sei vor dreißig Jahren schon einmal abgelaufen. Um fünf klopfte sie an alle Türen im Haus, auch an die eigene, und an die der Nachbarin, die nicht aufmachte, weil sie es nicht hörte, und dann ging sie mit den anderen fort und nahm eine Decke mit, die nicht ihre war.

Das ist die Uhr, an der ich das erzähle: nicht der Strom, der die Sachen zusammenzählt, sondern das Wasser, das sie wegzählt. Es zählt nicht, wie viele Häuser bleiben, sondern wie viele Wege es gibt, die nicht mehr zu dem hinführen, wonach man gefragt hat.

Es gibt einen Satz über solche Nächte, den man öfter hört, als man ihn prüfen kann: die Menschen seien in der Katastrophe besser als in ihrem Alltag. Man sagt es wie eine Hoffnung, aber es ist eine Behauptung, und Behauptungen brauchen einen Zeugen. Ich habe keinen. Ich habe ein Buch, in dem das behauptet wird, und ich habe es geglaubt, weil ich das Gegenteil so oft geglaubt habe. Was ich habe, ist eine Frau an einer Haustür um fünf Uhr morgens, die eine Decke abgibt, die ihr nicht gehört. Das ist kein Beweis. Es ist eine Handbewegung.

Später kommt jemand zurück, um nachzusehen.

Sie kommt um zwölf, im stärksten Licht, wenn das Wasser schneller läuft, als der Schritt einen trägt. Da ist der Bauer, der sich hat einreden lassen, Bauer zu sein, und der ehemalige Leutnant, der dasselbe ist, stehen zwei Meter voneinander entfernt und beschreiben dieselbe Stelle. Er sagt: Kommen Sie, ich zeige es Ihnen. Und zeigt es nicht. Er zeigt auf einen Platz, an dem etwas gestanden hat, und der Platz ist jetzt eine Tatsache, über die man nicht streiten kann.

Sie sagt: war da nicht ein Zaun. Er sagt: ein Zaun aus Lattengrün, mit einem Spalt zwischen den Latten, durch den man auf die Straße sah. Sie sagt: und das Haus daneben, mit dem Holzstapel. Er sagt: der Holzstapel ist erst später gekommen. Beide haben sie recht, und keiner hat Boden unter den Füßen. Ich möchte, daß man das hört: sie streiten nicht. Aus der Einigkeit kommt das Verlangen, an der Stelle zu stehen.

Die Sonne steht so, wie sie nur vor einem Regen steht. Die Amsel schweigt. Die Felder liegen über der Straße, die Gräser sind nicht grün, sie sind weiß wie der Himmel, und das Licht macht das Land größer, als es ist. Es ist ein Tag, an dem man photographiert. Sie photographiert nicht. Sie sagt: das Haus habe ausgesehen wie ein Haus, und sie habe es nicht geglaubt. Er sagt: binden Sie die Schuhe fest.

Um vier geht sie den Weg, den es nicht mehr gibt. Sie geht ihn so, wie man einen Weg geht, an dessen Ende nichts steht: nicht schneller und nicht langsamer als an jedem anderen Nachmittag. Sie hat nicht nachgesehen, ob er zu einem Ort führt. Sie hat nicht nachgesehen, und ich lasse das so stehen, obwohl ich es hätte begründen können. Am Ende des Weges ist der Fluß, der Fluß ist der Fluß, und es ist nicht entschieden, ob sie bleiben kann. Es ist nicht entschieden, ob sie will.


Den Fluß habe ich nicht erfunden. Die Uhr auch nicht, und die Decke nicht. Hinter dem Haus, in dem ich in der Nacht vor dem Wasser war, hatte Johanna den Teppich aufgerollt und unter die Decke gelegt, und ich habe gedacht: sie holt ihn nie wieder raus, sie hat ja kein Haus mehr, in dem ein Teppich voll aussieht. Ich habe das gedacht, so wie man etwas Komisches denkt, das nicht komisch ist.

Das Dorf ist erfunden. Die Frau ist erfunden, und der Bauer auch, und das ist der Punkt, an dem ich mich nicht aus der Sache herausreden kann.

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