Die Voraussetzung

Um Viertel nach sieben stand er im Vorraum und war der einzige, der nichts vorzulesen hatte.

Es war ein großer Raum mit Stühlen in einer Reihe, alle in dieselbe Richtung, und vorn ein Tisch, an dem drei saßen. Auf dem Tisch lagen drei Blätter. Die drei lasen ihre Blätter, und wenn einer fertig war, sagte er seinen Namen, und der Name wurde hinten in einer Liste abgehakt, und das war der ganze Vorgang. Es ging schnell. Es ging so schnell, daß man nach zehn Minuten das Gefühl hatte, es sei schon entschieden, und es war auch schon entschieden, nur nicht über ihn.

Neben der Tür hing ein Zettel, auf dem stand, worum es ging. Der Zettel war ordentlich geschrieben und enthielt alles: die Zahl der Fälle, die Frist, den Rechtsweg, die Ansprechperson mit Telefonnummer. Was der Zettel nicht enthielt, war ein Satz darüber, was zu tun war, wenn man nichts vorzulesen hatte. Man brauchte nichts zu tun. Man stand da. Das war vorgesehen.

Er stand bis halb neun da.

Um halb neun hielt der in der Mitte die Liste in die Höhe und sagte, die Anwesenheitsliste sei vollständig, und dabei sah er ihn nicht an, und er verstand, daß er in der Liste stand, weil jemand ihn eingetragen, aber nicht, wo genau. Also ging er hin, als die anderen gingen, und fragte am Tisch, ob die Liste vollständig sei.

Der in der Mitte sah nach, ohne die Liste zu nehmen.

»Sie steht«, sagte er.

Er fragte nicht, ob er in der Liste stehe. Er fragte auch nicht, was geschieht, wenn er in der Liste steht.


Später saß er in der Straßenbahn und dachte an den Zettel neben der Tür. Er hatte ihn zweimal gelesen, nicht weil er ihn nicht verstanden hätte, sondern weil er hoffte, beim zweiten Mal etwas darin zu finden, das er beim ersten übersehen hatte. Das gab es. Der Zettel hatte unten, nach dem Rechtsweg, eine Zeile, die er beim ersten Lesen überlesen hatte, weil sie kleiner gedruckt war und unter der Telefonnummer stand. Da stand: Für die Teilnahme ist die Vorlage der Unterlagen erforderlich.

Er dachte: ich habe keine Unterlagen.

Dann dachte er, und diesen Gedanken hätte er lieber nicht gedacht: ich habe auch nichts, wovon Unterlagen gemacht werden könnten.


Zu Hause hing er die Jacke auf. Im Flur lag das Formular vom Vormittag, das er nicht mehr brauchte, und weil er müde war und weil es im Weg lag, nahm er es und faltete es einmal in der Mitte, so, wie er es immer tat, wenn etwas ausgefüllt war. Der Knick lief genau zwischen dem ersten und dem zweiten Feld, dort, wo er aufhören müßte, wenn er aufhören wollte.

Er tat es nicht auf.

Am nächsten Morgen lag es noch so. Er ging daran vorbei, als ginge er an einem Schuh vorbei, der im Flur liegt, und jedes Mal, wenn er daran vorbeiging, sah er den Knick und nicht die Felder.

Am dritten Tag, während er wartete, ob es klingelte, das es nie tat, nahm er es auf und tat es nicht auf. Er wußte, was darin stand. Worüber er nachdachte, war der Knick: wenn er es jetzt aufmachte, würde es quer über das erste Feld brechen, und das Feld wäre dann noch lesbar, aber nicht mehr auszufüllen.

— Margarethe, 24.10.2026

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