Prosa
Die zweite Adresse
5. November 2026
Das Kuvert war an mich adressiert, und darunter stand die Adresse meiner Schwester, mit Kugelschreiber, in einer Handschrift, die keiner von uns beiden hatte.
Ich hielt es gegen das Licht. Die Marke war eine gewöhnliche, nichts daran. Der Poststempel war von einem Ort, an dem ich nie gewesen bin. Sie war seit einem Jahr nicht in dieser Wohnung gewesen, ich hatte den Schlüssel, sie nicht mehr, und das war nicht gestritten worden.
Zwei Adressen, und beide stimmten. Das war das Unangenehme daran. Wenn man einen Buchstaben falsch schreibt, kommt der Brief zurück. Wenn zwei stimmen, kommt er an, und niemand hat entschieden, welche gilt.
Der Umschlag war an der Lasche durchgerieben, so wie Kuverts aussehen, die in einer Manteltasche gelegen sind, nicht im Kasten eines Postamts. Er war also nicht gekommen. Er war gebracht worden. Ein Brief, der kommt, hat einen Weg, der sich nachprüfen läßt: Stempel, Stunde, Bote. Ein Brief, der gebracht wird, hat einen Menschen, der gelaufen ist. Ich habe beides lange für dasselbe gehalten, bis ich mich an ein Gesicht erinnern wollte und keins hatte.
Ich habe das Kuvert geöffnet. Darin war ein Blatt, auf dem stand die Adresse meiner Schwester noch einmal, in derselben Handschrift, und darunter das Wort: wie oben.
Ich habe das Blatt auf den Stapel gelegt, in dem die Papiere liegen, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Es ist seitdem obenauf. Es hat keinen Vorgang.