Margarethes Kolumne · Die glatte Form 05

Tramline

Die Linie, die niemand zeichnet und alle einhalten

27. Oktober 2026

Das Wort ist englisch und bezeichnet im Entwurf zuerst eine Gerade, die kein Gegenstand ist. Niemand sieht sie. Sie liegt über der Zeichnung eines Kotflügels, und ihre einzige Aufgabe ist, zu sagen: hier entlang, nicht dort. Ein Blech muß durch eine Walze, und die Walze weiß nichts von einer Kurve, die jemand schön fand. Die Tramline ist der Punkt, an dem das Auge des Zeichners und die Maschine des Presswerks sich darauf einigen, wo die Schönheit aufhört.

Art Deco hatte damit kein Problem, weil er die Gerade wollte. Der Jugendstil hatte ein Problem, weil er die Bewegung wollte und die Gerade nur als Werkzeug duldete. Als die Bleche in den fünfziger Jahren wieder flacher und länger wurden, war die Tramline kein Werkzeug mehr. Sie war ein Gesetz.

Wer sie in Worte gefaßt hat, war kein Konstrukteur, sondern ein Zeichner — einer, der bemerkte, daß die Linie das einzige ist, was der Stempel respektiert, und alles andere Zutat. Das ist kein Satz über Autos. Das ist ein Satz über Arbeitsteilung, und man kann ihn auf einen Verlag anwenden, auf eine Redaktion, auf eine Kolumne.

Ein Kolumnentext hat auch eine Tramline. Er hat ein Format, eine Länge, einen Erscheinungsort, eine Zeile, die niemand sieht und an der er entlangläuft, damit er in die nächste Ausgabe paßt. Die Frage ist nicht, ob er sie hat. Die Frage ist, wer sie zeichnet — und ob der, der schreibt, sie wiedererkennt, wenn sie in der Maschine liegt.

Ich habe das an meinen eigenen Stücken gemerkt, und zwar an der Stelle, an der es mir zuerst unangenehm war: Der Lieferwagen war zu lang, und ich habe es nicht am Text gemerkt, sondern am Aufwand, den es kostete, ihn zu kürzen. Es war nicht der Stoff, der zu viel war. Es war die Linie, die schon vorher gezogen war.

Das ist die Konsequenz, von der wir reden, wenn wir von der Stilbewegung reden. Jugendstil, Art Deco, Tramline: dreimal dieselbe Frage in verschiedenen Kleidern — was bleibt von einer Absicht übrig, wenn sie durch eine Maschine muß. Beim Jugendstil blieb eine Kurve, die kein Werkzeug machen konnte. Beim Art Deco blieb eine Gerade, die zurückkam, weil die Maschine sie billig fand. Bei der Tramline bleibt ein Blech, an dem man die Entscheidung nicht mehr sieht, die es geformt hat.

Ich will nicht sagen, das sei schade. Ein Text ohne Tramline ist kein freierer Text, sondern ein unlesbarer. Ich will nur sagen, daß die Linie sichtbar gemacht werden kann, ohne daß man sie entfernt — und daß das eine der wenigen Arbeiten ist, die Schreiben und Redigieren miteinander tun können, ohne daß einer den anderen zum Werkzeug macht.

Wenn sie unsichtbar bleibt, entscheidet sie. Wenn sie beschrieben wird, ist sie eine Verabredung.

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