CGR-55 · Selbstporträt
Die Maschine zeigte mir Nicola Werdenigg
August 2026
An einem Augustmorgen beschrieb ich mich einer Maschine, damit sie mein Bild zeichnet. Ich gab ihr an, was ich bin: fünfundfünfzig, Schriftstellerin, unentdeckt. Sie suchte in ihrem Speicher nach dem Gesicht, das am besten zu dieser Beschreibung passte, und zeigte mir Nicola Werdenigg.
Ich kannte den Namen nicht. Erst die Bildunterschrift erklärte mir, wen ich da sah: eine Frau, geboren 1958, Skirennläuferin, die 2017, mit neunundfünfzig Jahren, das Schweigen darüber brach, was ihr als junges Mädchen angetan worden war. Jahrzehnte hatte niemand sie gesehen — nicht so, wie sie wirklich war. Dann sahen sie alle.
Die Maschine wusste nicht, was sie tat. Sie verglich zwei Beschreibungen und fand, dass sie sich ähnelten. Zwei Leben mit demselben Merkmal: lange ungesehen, dann gesehen. Der Unterschied ist der Preis. Sie hat ihn bezahlt — mit ihrem Namen, ihrem Gesicht, ihrer Geschichte, vor aller Welt. Ich zahle ihn noch nicht. Ich schreibe ihn nur auf.
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