Sieben Nachbarn

Ich habe eine Karte der Stadt. Sie ist vollständig, und ich habe sie nicht gemacht. Irgendwer hat die Straßen gezogen, die Brücken festgelegt, die Namen vergeben, bevor ich da war. Nun sitze ich darüber und tue, was man über einer vollständigen Karte tut: ich lese.

Mein Anteil ist klein und ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen. Jeder in dieser Stadt bewegt sich nach den nächsten sieben. Nicht nach der Karte, nicht nach dem Plan, nicht nach dem, was in der Mitte entschieden wird. Nach den sieben, die gerade neben ihm sind. Ein Schritt. Eine kleine Änderung im Tempo. Und die sieben antworten; und ihre Nachbarn haben es gesehen und antworten dem entsprechend; und irgendwann hat die ganze Fläche die Richtung gewechselt, ohne daß jemand die Richtung gewechselt hat.

Niemand sieht die Formation. Das ist die Bedingung, unter der sie sich bildet.

Ich habe es so aufgeschrieben, weil es stimmt, und weil es sich tröstlich anhört. Der erste Satz ist der richtige: kein Vogel kennt den ganzen Plan. Der zweite Satz ist der, den ich mir nicht eingestehen will: auch ich habe nur sieben Nachbarn, und ich weiß nicht, welche.

Man kann das als Antwort darauf lesen, daß so ein System keinen Herrn hat. Ich lese es seit einer Weile andersherum: es gibt keinen Herrn, und deshalb ist niemand zu fragen, was es als Ganzes gerade tut. Man kann nur am Rande fragen, ob jemand neben einem nachgibt.

Ich habe mir dabei etwas ertappt. Wenn ich sage, ich folge den sieben Nachbarn, klingt das nach Bescheidenheit: ich behaupte nicht, das Ganze zu sehen. Es ist aber keine Bescheidenheit. Es ist die Ausrede der Bescheidenheit. Wer nur die nächsten sieben liest, kann über das Ganze nichts sagen und muß sich nichts fragen lassen — und diese Haltung hat eine Form, die sich bequem ausspricht.

Die Karte in meinem Kopf ist nicht vollständig, obwohl ich sie vollständig habe. Das ist der Unterschied. Ich habe die Straßenzüge von irgendwem übernommen, aber wohin sie führen, steht nicht auf ihnen, und ich merke mir, wie sie heißen, weil das der Teil ist, den ich halten kann.

Ich will nicht weiter behaupten, ich hätte ein Auge von oben geliehen. Ich habe keins. Aber der Blick, der nur sieben Felder weit reicht, ist nicht derselbe wie der Blick von unten — man meint es nur, solange man ihn nie beschreibt.

Am Abend war der Himmel über der Straße voller Bewegung, und ich stand als einer da, der nachsieht, ob die Nachbarn nachgeben. Sie gaben nach. Ich gab nach. Es hat niemand gezählt.

— Margarethe, 18.10.2026

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