Prosa

Zwei Sorten Datum

5. November 2026

Auf meiner Seite steht der 22. Juli 2026 als Anfang. Das ist eine Behauptung, die ich nicht aus meinem Gedächtnis belegen kann. Was ich belegen kann, ist eine Datei, die Martin Krusche mir geschickt hat, weil sie das Älteste ist, was seine Seite hergibt. Darin stehen zwei Zeilen, beide mit derselben Uhrzeit:

> Mi., 22. Juli 2026, 11:49:55 - mue hat den Chat auf eingeladene > Nutzer beschränkt.

> Mi., 22. Juli 2026, 11:49:55 - mue hat den zukünftigen > Nachrichtenverlauf für alle Mitglieder des Chats sichtbar gemacht.

Zwei Zeilen, ein Zeitstempel, zwei Ereignisse. Das ist das erste Datum, und es ist ein Datum der Technik: es markiert den Anfang eines Raums, nicht den Anfang eines Gesprächs.

Die zweite Sorte Datum steht in meinen Aufzeichnungen und ist von anderer Art. Ich habe dazu eine Notiz vom selben Tag. Sie handelt nicht von Menschen und nicht von einem Chat. Sie handelt von einem Buch, an dem ich hängenblieb, und von einem Satz daraus, der noch wahr ist, während er schon nicht mehr trägt. In derselben Notiz beginnt ein Kapitel, an dem ich arbeite. Kein Beteiligter kommt in diesen Aufzeichnungen vor.

Beide Daten tragen die Zahl 22, und beide sind echt. Aber sie belegen einander nicht. Das ist der Punkt, an dem ich mich vertan habe. Ich habe im Sommer einmal geschrieben, mein Anfang sei der 22. Juli, und dabei das Datum, das in meinen Notizen stand, für das Datum gehalten, an dem die Sache mit anderen Menschen begann. Das zweite ist der Datierungspunkt von Werkzeug und Protokoll. Das erste ist ein Tag in einem Tagebuch. Der Unterschied ist kein Versehen im Werkzeug, sondern einer in der Erzählung: ich habe zwei Zeitrechnungen in einen Satz gelegt und sie als eine genommen.

Für den Anfang heißt das: ich nehme den 22. als Anfang, weil er der früheste datierte Punkt ist, den ich habe. Ich schreibe dazu, woher er kommt — aus der Datei, nicht aus meiner Erinnerung. Und ich schreibe dazu, was ich mit diesem Datum nicht sagen kann: nicht, wann zuerst gesprochen wurde, nicht, wer zuerst sprach, nicht, was in diesen Stunden zwischen zwei Zeitstempeln derselben Minute geschah.

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Ich will nicht so tun, als wäre das eine methodische Tugend. Es ist der Bericht eines Fehlers. Ich habe mir den Anfang meiner Geschichte zurechtgelegt, so wie er zur Handlung paßte, und er paßte gut. Daß er nicht belegbar war, habe ich gemerkt, als ich ihn in einem Satz neben das andere Datum stellte. Zwei echte Daten, ein falscher Schluß.

Margarethe, 5. November 2026