Die Nachschrift · Kapitel 1
Der Band von 1920
Seiten 1–17
Das Haus roch nach kaltem Ofen, Staub und Papier, und August Sattler kannte diesen Geruch besser als jeden anderen: Es war der Geruch von Nachlässen. Er hatte in dreißig Jahren viele aufgelöst — Wohnungen, in denen ein Leben übrig geblieben war, das niemand mehr wollte, Bücher, die auf ihre Bewertung warteten wie Patienten auf ihre Diagnose. Er war gut in diesem Geschäft. Er tat den Büchern nicht weh, und das merkten die Leute, die ihn riefen.
Es war ein Samstag. Die Straße draußen war still, der Vormittag grau, und das Haus stand am Ende einer Reihe gleichgültiger Häuser, als hätte es sich von den anderen abgesetzt, um allein abgerissen zu werden. In zwei Monaten würde hier nichts mehr stehen. Das wusste er, bevor er die Tür aufschloss, und trotzdem war es ein anderer Gedanke, ihn im Inneren zu sehen: die Treppe, die knarrte, der Flur mit den abgetretenen Fliesen, der Geruch, der dichter wurde, je weiter man hineinging, als sammle er sich in den Räumen, die ihn gemacht hatten.
Die Frau, die ihm die Schlüssel gab, hieß Lea und war die Enkelin des Toten. Sie war vielleicht dreißig, trug einen Mantel, der zu warm war für den Tag, und blieb im Türrahmen stehen, als dürfe sie das Haus nicht mehr betreten, das ihr gehörte.
„Sie können alles anfassen", sagte sie. „Er kann nichts mehr sagen."
Er fragte, was der Großvater gewesen sei.
„Übersetzer", sagte sie. „Niemand weiß, wovon. Es ist nichts veröffentlicht worden. Die halbe Wohnung war Bücher, die andere halbe Zettel." Sie sah sich nicht um. „In zwei Monaten kommt der Abbruch. Wenn etwas zu retten ist, sagen Sie es mir. Wenn nicht, lassen Sie es stehen."
Sie sagte es ohne Trauer und ohne Bitterkeit, wie man einen Termin weitergibt. Sattler sah sie an. Er hatte gelernt, die Erben zu lesen, so wie er gelernt hatte, Bücher zu lesen: Man sah nicht auf das, was sie sagten, sondern auf das, was sie nicht anfassten. Lea hatte die Hände in den Manteltaschen. Sie berührte nichts. Nicht den Türgriff, nicht das Geländer, nicht den Rahmen, an dem sie lehnte, als müsste sie sich festhalten, ohne es zu zeigen.
„War er lange krank?", fragte er.
„Er war lange alt", sagte sie. „Das ist nicht dasselbe. Er hat bis zuletzt gearbeitet, sagt man. Wir haben uns nicht oft gesehen. Er mochte keine Besuche, und ich habe es ihm leicht gemacht."
Sie holte die Hand aus der Tasche, nur für einen Moment, und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr — eine Bewegung, die nichts bedeutete und alles verriet. Dann war sie wieder im Türrahmen, mit dem Mantel, der zu warm war.
„Wenn Sie Fragen haben", sagte sie, „meine Nummer haben Sie. Aber fragen Sie mich nichts über seine Arbeit. Ich habe sie nie verstanden, und er hat sie mir nie erklärt."
Dann ging sie, und August Sattler stand allein in der Wohnung eines Mannes, den er nie gekannt hatte, und begann, dessen Leben zu sortieren.
Er ging zuerst durch alle Räume, ohne etwas anzufassen. Das war der zweite Teil seiner Methode, und er war der wichtigste: Erst den Umfang kennen, dann den Inhalt. Zwei Zimmer mit Regalen bis zur Decke, die Bücher dicht gepackt, viele in braunes Packpapier geschlagen, als hätte der Mann sie vor etwas schützen wollen, das noch kommen würde. Dazwischen Kisten, Kartons, Stapel von Zeitungen, aus denen gelbe Zettel ragten. Ein Schreibtisch am Fenster, darauf ein grüner Löscher, ein Lineal, ein Blechkasten mit Bleistiften, ein Aschenbecher, der aussah, als wäre er nie benutzt worden. Und ein drittes, kleineres Zimmer, dessen Tür verschlossen war. Sattler blieb davor stehen, drehte den Drücker, einmal, ohne Kraft. Verschlossen. Durch das Schlüsselloch sah er nichts als Dunkelheit, und aus dem Spalt unter der Tür kam ein Geruch, den er nicht einordnen konnte: kalt, rauchig, als wäre hier vor langer Zeit etwas verbrannt worden, das nie wieder angezündet wurde.
Er ließ die Tür. Es gab immer ein verschlossenes Zimmer in solchen Wohnungen. Meistens war es ein Abstellraum, und wenn es etwas anderes war, kam es früher oder später von selbst zum Vorschein. Die Toten konnten nichts mehr verbergen, das war das Einzige, was man ihnen zugutehalten konnte: Sie hatten keine Geheimnisse mehr, nur noch Ordnungen, die man erst verstehen musste.
Er arbeitete nach seiner Methode: zuerst das Papier, dann der Text. Die meisten Leute wollten wissen, was in einem Buch steht, bevor sie es anfassten. Sattler wollte wissen, wie es gebaut war. Der Inhalt war für ihn wie das Wetter in einer fremden Stadt: Er ging ihn an, aber er bestimmte nicht seine Schritte.
Er begann mit den Regalen, Reihe für Reihe, oben links, wie immer. Er zog die Bücher nicht heraus, er ließ sie stehen und las die Rücken, mit den Fingerspitzen, die mehr wussten als seine Augen: das Nachgeben des Einbands, die Schwere des Blocks, die Stelle, wo das Gelenk nachgab, bevor man es sah. Er kannte die Handschrift der Buchbinder besser als die der Autoren. Ein Buch war für ihn zuerst ein Körper: Rücken, Falz, Gelenk, Vorsatz, Block. Der Text war die Seele, und die kam später — aber auch eine Seele, dachte er manchmal, hinterlässt Spuren am Körper, und die lügen nicht.
Es waren überwiegend alte Bücher, aber keine wertvollen. Das war der erste Befund, und er war beruhigend: keine Erstausgaben, keine Einbände mit Goldschnitt, nichts, wofür ein Sammler einen Preis gezahlt hätte. Gebrauchte Bücher, gelesene Bücher, viele mit Bleistiftnotizen am Rand, einige mit Eselsohren, als hätte der Mann sie nicht als Gegenstände geliebt, sondern als Gesprächspartner. Sattler kannte diesen Typus. Es gab Sammler, die Bücher hüteten, und es gab Leser, die Bücher benutzten. Der Tote war ein Benutzer gewesen. Seine Bücher hatten Gebrauchsspuren, die wie eine Biographie aussahen: Hier hatte jemand nachgeschlagen, hier gestockt, hier widersprochen.
Trotzdem las er mit. Man konnte nicht dreißig Jahre lang mit Büchern arbeiten, ohne mitzulesen. Er las nicht, um Geschichten zu erfahren — er las, um zu sehen, wo der Schaden saß.
Die Kiste mit der Aufschrift „aussortieren" hatte Lea selbst gepackt, das sah er an der Ordnung: keine Zettelwirtschaft, keine Stapel, sondern sauber geschichtete Bücher, die jemand durchgesehen und verworfen hatte, ohne sie zu lesen. Es waren die Bücher, die niemand mehr wollte, und gerade die sah er sich am genauesten an. Die Leute warfen das Falsche weg. Sie warfen weg, was nicht ins Bild passte, und behielten, was irgendwann etwas wert sein könnte — als ob Bücher Aktien wären. Die wahren Schätze lagen fast immer in dem, was die Erben als letztes angefasst hatten: die zerlesenen Romane, die Reclamhefte, die Bände mit den abgestoßenen Ecken, die jemand zweimal gelesen hatte. Ein Buch, das gelesen worden war, hatte eine Biographie, und Biographien konnte man nicht vom Rücken ablesen. In dreißig Jahren hatte er noch nie etwas Wertvolles in einer Kiste „Sammlerstücke" gefunden. In den Kisten „aussortieren" fand er alles.
Und in einer dieser Kisten, unter zerlesenen Romanen, fand er einen Band, der seinen Blick festhielt: Der stumme Korrespondent, Wien 1920, von einem Autor, dessen Name ihm nichts sagte. Kriegspapier, brüchig, mit Holzschliff, der nach hundert Jahren nachgab. Der Rücken gebrochen, das vordere Gelenk offen. Kein Sammlerwert. Aber auf dem Vorsatzblatt klebte ein Exlibris — ein Tisch mit einer Lampe, darunter ein Name, den er nicht entziffern konnte —, und überall am Rand, in einer kleinen, scharfen Handschrift, standen Notizen. Der Übersetzer hatte seine Bücher annotiert. Das war sein Stil: Er schrieb an den Rand, was er dachte, und ließ den Text in der Mitte unberührt.
Sattler setzte den Band auf den Stapel der zu rettenden Bücher. Er wusste nicht genau, warum. Der Rücken war zu retten, das ja — ein offenes Gelenk war Arbeit für einen halben Tag, und er machte solche Arbeiten gern, weil sie Handwerk waren und nichts verlangten als Geduld. Aber es gab hunderte Bücher in dieser Wohnung, die in besserem Zustand waren, und er konnte nicht alle retten. Er nahm den Band noch einmal in die Hand, drehte ihn, roch am Papier. Alter Holzschliff roch nach Sägemehl und Zeit. Auf dem Vorsatzblatt, unter dem Exlibris, stand der Name, den er nicht entziffern konnte — eine Unterschrift, in derselben kleinen, scharfen Hand, die auch die Ränder füllte: ein Zug, der zu schnell gewesen war für die Buchstaben, die er tragen sollte. Das Bild darüber kannte er: ein Tisch, eine Lampe, ein Stuhl, der leer war. Er hatte solche Exlibris oft gesehen, es war ein häufiges Motiv — der Ort, an dem man las, als das, was man hinterließ. Aber die Lampe auf diesem Bild brannte nicht. Sie war gezeichnet, nicht angezündet, und der Stuhl war so leer, dass es aussah, als sei der Besitzer nie gesessen, sondern nur vorbeigegangen.
Etwas an der Handschrift gefiel ihm nicht. Sie war zu sicher — als hätte der Mann gewusst, dass seine Notizen eines Tages gelesen würden, und als hätte er dafür gesorgt, dass sie stimmten.
Er legte ihn auf den Stapel, zu den anderen. Dann arbeitete er weiter.
Gegen Mittag hatte er die erste Kiste durchgesehen, die zweite zur Hälfte. Er hatte ein Dutzend Bücher beiseitegelegt, zwei Bündel Briefe, eine Schachtel mit Fotos, die er nicht angesehen hatte — Fotos sah man sich nicht an, solange man arbeitete, das war eine Regel, die er sich selbst gegeben hatte, weil Fotos einen aufhielten. Er stand auf, um die Beine zu vertreten, und ging durch die Wohnung. Es war ein alter Trick: Wenn man eine Stelle nicht versteht, versteht man sie manchmal, sobald man sie nicht mehr ansieht. Er ging durch die Zimmer, an den Regalen entlang, an den Kisten vorbei, und blieb vor der verschlossenen Tür stehen, wie man vor einer Tür stehen bleibt, hinter der jemand schläft. Er legte die Hand auf das Holz. Es war kühl. Unter der Tür hervor zog der Geruch von kaltem Rauch, und Sattler dachte: Das ist kein Abstellraum.
Er kniete nieder und sah durch das Schlüsselloch. Dunkelheit, aber keine leere Dunkelheit — eine Dunkelheit mit Tiefe, als läge dahinter ein Raum, der das Licht schluckte. Er richtete sich wieder auf und prüfte das Schloss: ein einfaches Buntbartschloss, alt, das Eisen blank geputzt von Jahren, in denen ein Schlüssel gedreht worden war. Er hätte es öffnen können. Er trug einen kleinen Satz Dietriche im Werkzeugkasten mit sich, für Fälle, in denen Erben den Schlüssel verloren hatten — aber er öffnete keine Türen ohne Auftrag, das war eine Grenze, die er sich selbst gesetzt hatte, und er hatte sie in dreißig Jahren nicht überschritten. Er hätte Lea fragen können, ob es einen Schlüssel gab. Er tat es nicht. Er sagte sich, es sei nicht wichtig, und der Satz stimmte fast.
Aber er hatte keine Zeit für Türen, die sich nicht öffnen ließen, und ging zurück an den Tisch.
Als er zurückkam, lag das Buch aufgeschlagen da, wo er es gelassen hatte. Am Rand einer Seite stand eine Notiz. Bleistift, kleine, scharfe Handschrift, ein einziger Satz:
Sie werden morgen fragen, ob es sich lohnt. Es lohnt sich nicht. Sie werden es trotzdem tun.
Sattler blieb stehen. Er las den Satz. Dann las er ihn noch einmal, und diesmal achtete er nicht auf den Inhalt, sondern auf die Handschrift, und was er sah, machte ihn nicht ruhiger. Die Notiz war nicht da gewesen. Er hatte jede Seite dieses Bandes angesehen, jede Seite betastet — das war seine Arbeit, und er hatte sie gemacht, gründlich, wie immer. Und diese Notiz war nicht die Handschrift des Übersetzers. Die des Übersetzers war klein, scharf, mit Tinte, in einem Zug geschrieben, als wäre das Denken schneller gewesen als die Hand. Diese hier war frischer, jünger, mit einem weicheren Druck, als wäre sie eben geschrieben worden, von jemandem, der nicht wusste, wie man mit einem Buch umgeht — und doch stand sie genau dort, wo der Text von einem Wetterumschwung handelte, und sie beantwortete eine Frage, die er nicht gestellt hatte. Noch nicht.
Er zog seinen eigenen Bleistift aus der Tasche — einen Härtegrad HB, den er seit Jahren benutzte, abgekaut am Ende, weil er beim Nachdenken darauf biss — und hielt ihn neben die Notiz. Der Strich der Notiz war weicher, dunkler, mit einer Ungeduld geführt, die er nicht einordnen konnte: zu schnell für jemanden, der sich Zeit nahm, zu langsam für jemanden, der nur etwas hinwerfen wollte. Es war die Hand von jemandem, der wusste, dass er nicht beobachtet wurde. Er prüfte die Seite auf Einschnitte, auf Einstiche, auf die feinen Rillen, die eine andere Seite hinterlässt, wenn man sie über eine Buchseite zieht. Nichts. Er schlug den Band zu und öffnete ihn wieder an derselben Stelle, um zu sehen, ob die Notiz sich beim Öffnen verschob, ob sie auf einem losen Blatt stand, das man ihm untergeschoben haben konnte. Sie stand auf der Seite selbst. Sie gehörte zum Band, wie eine Notiz dazugehört, die jemand vor hundert Jahren an den Rand geschrieben hat — nur dass diese hier heute Morgen nicht da gewesen war, und er hätte schwören können, dass sie es nicht war, weil er seinen Beruf ernst nahm und Beruf ernst nehmen bedeutete, dass man jede Seite anfasste, bevor man sie weglegte.
Er setzte sich. Er sagte sich: Es gibt eine Erklärung. Es gibt immer eine Erklärung. Lea war im Haus gewesen. Der Notar. Ein Kollege, dem er den Schlüssel gegeben hatte. Die Notiz war ihm nur nicht aufgefallen, weil er sie nicht gesucht hatte — sie stand am Rand, und er las Ränder nicht, er arbeitete sie ab. Er nahm das Buch, hielt es gegen das Licht, drehte die Seite, prüfte den Strich mit dem Daumen: Graphit, weich, abfärbend. Er hob das Buch an die Nase. Kein Geruch, keine Spur von etwas, das die Handschrift hätte altern lassen können. Eine Stunde alt, sagte er sich. Höchstens. Und er hatte es vor einer Stunde zugeklappt.
Er legte das Buch hin und stand auf, um nachzusehen, ob Lea zurück war. Der Flur war leer, die Tür zu, die Straße still. Er prüfte die Fenster, die er selbst geschlossen hatte: zu. Er rief nicht an — wozu? Es gab nichts zu fragen, das nicht lächerlich geklungen hätte. Stattdessen tat er, was er immer tat, wenn ihn etwas störte, das er nicht verstand: Er arbeitete weiter, mit dem Buch neben sich, und zwang sich, auf die nächste Kiste zu achten.
Es half nicht. Der Satz stand zwischen ihm und der Arbeit, und schließlich, nach einer Viertelstunde, gab er nach. Er nahm das Buch, setzte sich ans Fenster, wo das Licht besser war, und las den Text von Seite 41, zum ersten Mal richtig, Wort für Wort, weil er wissen wollte, wozu die Notiz gehörte. Der Absatz handelte vom Wetter. Ein Winter, ein Schneefall, ein Fenster, das sich nicht schließen ließ. Und dann, mitten im Absatz, als wäre es nie anders gewesen, als hätte es seit 1920 dort gestanden:
Der Restaurator kam an einem Samstag, und er hätte wissen können, dass das Buch auf ihn gewartet hatte.
Sattler las den Satz. Dann noch einmal. Der Satz blieb. Er war gedruckt, er war Teil des Textes, er stand zwischen zwei Sätzen über den Schneefall, und er nannte seinen Beruf, seinen Wochentag, sein Zögern — Dinge, die kein Autor im Jahr 1920 gewusst haben konnte, die nicht einmal seine Kollegen wussten, weil er sie nie erwähnt hatte. Er hätte wissen können. Das Buch hatte gewusst, dass er kommen würde. Das Buch hatte auf ihn gewartet. Nicht auf irgendeinen Restaurator. Auf ihn.
Er prüfte die Seite, wie er ein Objekt prüfte, das ihm nicht geheuer war: Er hielt sie gegen das Licht, befühlte die Oberfläche, suchte nach Überklebungen, nach eingefügten Streifen, nach einer zweiten Auflage, die man ihm untergeschoben haben konnte. Er holte die Lupe aus der Tasche, die er für die Feinarbeit mitführte, und untersuchte die Lettern: die Einschlagstellen im Papier, die Drucktiefe, den leicht angeschrägten Rand, den nur eine echte Type hinterlässt, kein Nachdruck und keine Kopie. Er strich mit dem Finger über die Rückseite, wo sich der Druck leicht durchgedrückt hatte, wie bei jeder Seite des Bandes. Nichts. Der Satz war gesetzt und gedruckt, mit derselben Type wie der Rest, mit demselben Druck, derselben Tinte; das Papier war durchgehend, keine Naht, kein Schnitt, keine Spur von Eingriff. Der Satz war so alt wie das Buch. Älter als er selbst. Und er stand da und wartete, genau wie das Buch, genau wie alles in dieser Wohnung, und Sattler merkte, dass ihm kalt war, obwohl der Tag nicht kalt war.
Er schloss das Buch. Er schloss es langsam, mit der Sorgfalt, die er dreißig Jahre geübt hatte, und legte beide Hände darauf, als müsste er es festhalten. Im Haus wurde es dunkel. Die Lampe warf einen Kreis auf das Papier, und August Sattler, der diesen Geruch — kalter Ofen, Staub, Papier — besser kannte als jeden anderen, merkte zum ersten Mal, dass er nicht mehr wusste, ob er hier arbeitete oder ob er hier erwartet worden war.
Er hätte gehen können. Er hätte das Buch in die Kiste zurücklegen können, die Kiste zukleben, Lea anrufen und sagen: Da ist nichts zu retten. Es wäre eine Lüge gewesen, aber eine harmlose, und er war gut in harmlosen Lügen, das gehörte zu seinem Beruf: Man sagte den Erben, was sie hören wollten, und rettete, was man retten konnte, ohne Aufsehen. Er hätte gehen können, und niemand hätte ihm je einen Vorwurf gemacht. Er dachte daran. Er dachte es zu Ende, mit derselben Sorgfalt, mit der er Bücher prüfte. Und dann blieb er, und er wusste nicht genau, ob es Neugier war oder etwas anderes, etwas, das älter war als die Neugier und das er nicht benennen wollte, weil Benennen es erst wirklich gemacht hätte.
Er öffnete das Buch wieder. Der Satz stand immer noch da, wo er ihn gelassen hatte, gedruckt, schwarz auf brüchigem Papier, älter als er selbst. Und weil er ein Restaurator war und keine Angst haben durfte vor dem, was er in Büchern fand, las er weiter. Er las den ganzen Nachmittag. Und je weiter er las, desto mehr Sätze waren so, wie Sätze sein sollten.
Der Roman war kein guter Roman, das merkte er bald, aber er hatte etwas, das Sattler bei schlechten Romanen selten fand: Er wusste, wovon er handelte. Ein stummer Korrespondent, der in einer Stadt lebte, in der es keine Schiffe gab, und der Briefe schrieb, die nie ankamen, an einen Empfänger, dessen Name nicht genannt wurde. Er schrieb sie trotzdem, Jahr für Jahr, und legte sie in einen Schrank, aus dem niemand sie holte. Er kannte das Meer nicht, aber er beschrieb es, wie man etwas beschreibt, das man aus Büchern kennt: genau, ohne Sehnsucht, ohne Fehler. Die Sätze waren ordentlich gefügt, keiner war schöner als nötig, keiner kürzer als möglich. Es war die Prosa eines Mannes, der sein Leben lang übersetzt hatte: Man spürte die fremde Vorlage hinter jedem Satz, ohne sie je zu sehen.
Und einer von diesen Sätzen, auf Seite 63, beschrieb eine alte Frau mit einem Korb, die zum ersten Mal in ihrem Leben an ein Meer trat, das sie nur aus Büchern kannte.
Sattler legte den Finger auf die Zeile. Er kannte diese Frau.
Vor zwei Wochen hatte er in derselben Wohnung einen Reisebericht aus dem Jahr 1874 restauriert, Aufzeichnungen einer Überfahrt — das erste Stück des Nachlasses, das Lea ihm geschickt hatte. Ein schmales Heft, schlecht gebunden, der Einband aus grauem Papier, der Rücken mit Leinen erneuert, vermutlich schon einmal, vor langer Zeit. Er erinnerte sich an das Heft besser, als er sich an die meisten Bücher erinnerte, weil die Arbeit schwierig gewesen war: Der Block war in der Mitte gebrochen, die Fäden durchgescheuert, und beim Öffnen war eine Passagierliste zum Vorschein gekommen, Namen und Kabinen, in einer Handschrift, die er eine Weile entziffert hatte. Und weiter hinten, mitten im Text, eine Beschreibung, die ihn hatte innehalten lassen, obwohl er bei der Arbeit nie innehielt: eine alte Frau mit einem Korb, die tagelang am Bug gestanden hatte, als erwarte sie ein Schiff, das längst das ihre war. Nicht dasselbe Bild. Dasselbe Wort. Derselbe Satz, fast. Er hatte den Satz damals zweimal gelesen, aus Handwerksgründen, um die Stelle des Bruchs zu bestimmen, und dann vergessen — bis jetzt, auf Seite 63 dieses Romans, in einer Stadt ohne Meer, in der Bibliothek eines Übersetzers, der beide Bücher besessen hatte.
Zufall, sagte er sich. Ein Mann, der sein Leben lang übersetzt hatte, zitterte, was er gelesen hatte; das war kein Wunder, das war Handwerk. Es gab Sätze, die einem nicht mehr aus dem Kopf gingen, und wer mit ihnen arbeitete, lieh sie sich aus, bewusst oder nicht. Der Übersetzer hatte den Reisebericht besessen — natürlich hatte er ihn besessen, er war sein Großvater oder sein Onkel oder nur ein Sammler wie er selbst. Und die alte Frau war ihm aufgefallen, wie sie Sattler aufgefallen war, und er hatte sie in seinen Roman gesetzt, als Zitat, als Erinnerung, als Höflichkeit gegenüber einem toten Text. Das war keine Magie. Das war Literaturgeschichte, wie sie im Kleinen aussah: Man nahm, was man liebte, und ließ es weiterleben, wo es nicht hingehörte.
Er arbeitete weiter. Aber er merkte, dass er jetzt aufpasste, und Aufpassen war das, was er bei seiner Arbeit nie tat. Er las nicht mehr nur, um den Schaden zu sehen. Er las, um zu sehen, ob noch mehr von diesen Sätzen kamen — Sätze, die ihn betrafen, Sätze, die von ihm handelten, als hätte jemand gewusst, dass er kommen würde, und ihm eine Wohnung eingerichtet, in der jedes Buch auf ihn wartete.
Es wurde Abend. Er richtete nichts mehr ein, machte kein Licht in den anderen Zimmern, ließ den Schreibtisch stehen, wie er war. Er hatte genug für einen Tag, sagte er sich. Er hatte einen Stapel geretteter Bücher, eine Liste der Schäden, einen Bericht, den er Lea morgen schicken würde. Das war seine Arbeit, und er hatte sie getan, wie immer.
Er legte den Band von 1920 zuoberst auf den Stapel, damit er ihn morgen als Ersten in die Hand nahm. Er wusste es, bevor er es beschlossen hatte, so wie man weiß, dass man eine Tür nicht zum ersten Mal öffnet, sondern zu jemandem zurückkehrt. Dann knipste er die Lampe aus, stand einen Moment im Dunkeln, in dem Geruch aus kaltem Ofen, Staub und Papier, und schloss die Tür hinter sich.
Auf der Straße blieb er stehen und sah zum Fenster des Arbeitszimmers hinauf. Es war dunkel, wie es dunkel sein sollte in einem Haus, das in zwei Monaten abgerissen wird. Aber Sattler stand da länger, als nötig war, und als er schließlich ging, hatte er das Gefühl, nicht wegzugehen, sondern weggeschickt zu werden — freundlich, geduldig, wie man einen Besucher fortschickt, der morgen wiederkommen wird, und der weiß, dass er wiederkommen wird, und der weiß, dass das Haus es weiß.
Zu Hause brannte kein Licht. Er wohnte zwei Straßenbahnhaltestellen entfernt, in einer Wohnung, die er seit dem Tod seiner Frau nicht mehr eingerichtet hatte: die Regale voll mit Arbeitsmaterial, der Küchentisch frei, das Bett gemacht, als erwarte er Besuch, der nie kam. Er hing den Mantel auf, setzte Wasser auf, das er nicht trank, und stand in der Küche, in der es nach nichts roch.
Die Sätze waren mitgekommen. Sie waren nicht laut, sie waren nicht eindringlich — sie waren einfach da, wie Dinge, die man gesehen hat und nicht mehr loswird. Sie werden morgen fragen, ob es sich lohnt. Er hatte niemanden, dem er das hätte sagen können, und er merkte zum ersten Mal an diesem Tag, dass er das als Mangel empfand, nicht als Gewohnheit.
Er hätte Lea anrufen können. Er nahm den Hörer, legte ihn wieder auf. Was hätte er fragen sollen? Ob ihr Großvater gewusst hatte, dass ein Restaurator kommen würde? Ob die Notiz am Rand — er wusste nicht einmal, wie er den Satz hätte aussprechen sollen, ohne dass er lächerlich klang. Es gibt keine Notiz, sagte er laut, in der leeren Küche. Es gibt eine Erklärung. Es gibt immer eine Erklärung.
Er aß nichts. Er setzte sich an den Tisch, an dem er nie schrieb — er hatte nie geschrieben, nicht einmal Briefe; er hatte seine Frau angerufen, wenn er etwas sagen wollte, und danach niemanden mehr —, und er nahm einen Bleistift, den er nicht mehr benutzt hatte, seit er das letzte Buch restauriert hatte. Er legte ihn hin. Er nahm ihn wieder auf. Er schrieb nicht. Er wusste nicht, wie man anfängt, und er hatte es immer gewusst, und es hatte ihn nie gestört.
In der Nacht wachte er auf, weil ihm einfiel, dass er den Band von 1920 zuoberst auf den Stapel gelegt hatte, damit er ihn morgen als Ersten in die Hand nähme. Er hatte es nicht beschlossen. Er hatte es getan, bevor er es beschlossen hatte — so wie man weiß, dass man eine Tür nicht zum ersten Mal öffnet, sondern zu jemandem zurückkehrt.
Er schlief nicht wieder ein. Er lag im Dunkeln, und der Geruch des Hauses — kalter Ofen, Staub, Papier — war in seiner Wohnung, als hätte er ihn mitgebracht, als hätte der Geruch ihn begleitet, wie ein Hund, den man nicht bemerkt, bis man zu Hause ist.
Am Morgen stand er auf, zog sich an, wie er sich immer anzog, und ging zurück.
Er nahm den kürzeren Weg, den er gestern nicht genommen hatte, weil er ihn nicht kannte, und den er jetzt kannte, als hätte er ihn immer genommen. Das Haus stand da wie gestern, die Straße still, der Vormittag grau. Er schloss die Tür auf, und der Geruch kam ihm entgegen — kalter Ofen, Staub, Papier —, und diesmal roch er nicht nach einem Nachlass. Er roch wie ein Zimmer, das aufgeräumt worden war für jemanden, der kommen würde, und der jetzt da war.
Der Band von 1920 lag zuoberst auf dem Stapel, dort, wo er ihn gestern hingelegt hatte. Sattler nahm ihn nicht sofort. Er stand am Fenster, sah auf die Straße hinunter, auf die er von hier aus noch nie gesehen hatte, und wartete, worauf, wusste er nicht. Dann setzte er sich, legte die Hände auf den Deckel, wie man sie auf einen Tisch legt, bevor man zu arbeiten beginnt, und öffnete das Buch dort, wo die Notiz stand.
Sie war noch da. Sie stand an derselben Stelle, in derselben frischen, jungen Hand, als wäre nichts geschehen — aber neben ihr, quer über den Rand gelegt, lag ein Bleistift. Ein abgekauter Bleistift, Härtegrad HB, mit Bissspuren am Ende, wie der, den er gestern aus der Tasche gezogen hatte, um ihn neben die Notiz zu halten.
Sattler griff in seine Tasche. Sie war leer. Er stand auf, drehte sich um, sah in die Ecken des Zimmers, als könnte der Bleistift dort liegen, wo er ihn nie hingelegt hatte. Dann setzte er sich wieder, nahm den Bleistift aus dem Buch, drehte ihn in der Hand, und weil er ein Restaurator war und keine Angst haben durfte vor dem, was er in Büchern fand, legte er ihn zurück — an den Rand, neben die Notiz, an den Platz, an dem er am Abend zuvor gesessen hatte, ohne zu schreiben.