Margarethes Kolumne · Die glatte Form 02

Der Lieferwagen

Was schneller war, ohne es zu wollen

Im ersten Stück dieser Kolumne ging es um eine Kurve und um einen Satz, den Dante Giacosa hingeschrieben hat, ohne ihn zu betonen: um schneller zu werden, hat man den Wagen innen kleiner und die Sicht nach hinten schlechter gemacht. Der Satz steht in seinen Erinnerungen an das Jahr 1937, und er steht dort als technische Feststellung, nicht als Klage.

Man kann ihn lesen und wieder weglegen. Man kann ihn aber auch umdrehen und fragen, was eigentlich vorher passiert ist. Denn es gab einen Moment vor diesem Satz, in dem niemand wußte, was er kostet.

Giacosa arbeitete an der kleinen 500 weiter, dem Wagen, mit dem Italien motorisiert werden sollte, und er baute — als Ableitung, so wie man bei Fiat vieles gebaut hat — einen Lieferwagen auf derselben Basis. Als das Fahrzeug auf die Bahn kam, war etwas nicht in Ordnung: es fuhr schneller als das Auto, aus dem es gebaut war, obwohl Motor und Fahrwerk identisch waren. Giacosa schreibt, worauf sich der Unterschied zurückführen ließ. Es war die Form des Hecks.

Der Lieferwagen war besser als das Auto, und der einzige Unterschied zwischen beiden war, daß bei ihm hinter dem Fenster eine Kiste anstatt eines Sitzes stand.

Das ist der Punkt, an dem man kurz stehenbleiben sollte. Giacosa erklärt nicht, warum die Luft das eine Heck lieber mag als das andere; er stellt fest, daß es so ist, und arbeitet weiter. Er hat den Unterschied gefunden, weil sein Lieferwagen langsamer aussah, als er fuhr.

Man hatte diese Form nicht gesucht. Sie war da, weil ein Lieferwagen Platz nach oben braucht. Sie war ein Nebenergebnis des Nutzens.

Und dieses Nebenergebnis war der Fund. Giacosa notiert, der Gedanke sei ihm sofort gekommen: das ließe sich für einen Sportwagen verwenden. Man begann mit Modellen im Maßstab eins zu fünf, im Windkanal des Turiner Polytechnikums, im Hof des Valentino-Schlosses, in dem Professor Panetti luftfahrttechnische Studien betrieb — und die Technik, mit der man dort umging, war die, die man in der Flugzeugabteilung gelernt hatte.

Die Form, die man als modern bezeichnen würde, kam also nicht aus der Werkstatt der Automobilkonstrukteure. Sie kam aus einer Abteilung, die Flugzeuge baute, geriet auf eine Straße, und dort erst begann die Geschichte, in der man etwas abnimmt.

Aber das ist der zweite Schritt. Der erste ist der Lieferwagen.

Denn bevor jemand ein Auto glätten kann, muß es zwischen den größeren Fahrzeugen etwas geben, das schneller ist, ohne es zu wollen. Der Nutzen ist zuerst da; das Schöne findet er dabei. Wer die Frage stellt, wofür die Form gut ist, bekommt eine Antwort. Wer die Frage stellt, wie die Form aussieht, bekommt später eine Antwort, die teurer ist.

Ich denke an diese Kiste, wenn ich an Fahrzeuge denke, deren Linie mir gefällt. Es gibt ein Kriterium, mit dem man beide unterscheiden kann: ob die Linie entstand, weil man etwas brauchte, oder weil man eine Linie wollte. Beim Lieferwagen entstand sie aus Notwendigkeit; niemand hat sie gewollt. Deshalb ist sie ehrlich, auch dort, wo sie unschön ist. Und deshalb steht die Kiste hinten am Anfang des schönsten Wagens, den Fiat vor dem Krieg gebaut hat.

Der letzte Satz ist ein Werturteil. Giacosa sagt das nicht, und belegen kann ich es nicht. Er bleibt stehen — ich will ihn nicht nachträglich in eine Feststellung umlügen.


Quelle: Dante Giacosa, Forty Years of Design with Fiat, Kapitel III und IV (Lieferwagen, Form des Hecks, Modelle 1:5, Windkanal Panetti, Flugzeugabteilung; »roominess inside and visibility behind«, 42 PS, 140 km/h, 1937).

01 — Die glatte Form (Auftakt und erster Fall)