Die Nachschrift · Kapitel 2

Die Antwort

Neufassung · September 2026

Neufassung. Teil I eines Romans, kapitelweise veröffentlicht — die Übersicht: Die Nachschrift. Kapitel 1: Der Band von 1920.

Am Montag regnete es. Der Regen hatte in der Nacht angefangen und hörte am Morgen nicht auf; das Wasser stand am Randstein, und die drei Stufen zur Tür waren naß. Im Flur roch es nach Putz und nach dem feuchten Papier, das in den Kisten lag. Über der Tür hatte die Nummer vierzehn wieder ein Stück Farbe verloren.

August kam, als es noch regnete. Er stellte den Koffer ab, ging durch die zwei Zimmer und sah nach, ob das Haus die Nacht überstanden hatte. Ein Fenster im hinteren Zimmer war angelehnt geblieben; unter dem Rahmen stand eine Pfütze, und er wischte sie mit dem Fuß breit. Auf dem Tisch lag die Zeitung vom Samstag.

Den Mantel hängte er nicht auf. Er fing mit dem Gelenk an, weil das Gelenk das Schlimmste war.

Am Gelenk weichte er die untere Lage auf, die über Nacht hart geworden war, und hob das Papier mit dem Messer flach gegen den Falz, bis der alte Leim sich löste, ohne das Papier zu reißen. Der Holzschliff von 1920 war mürbe, ein Druck zuviel hätte den Rücken in Staub zerlegt. Bei dieser Arbeit redete er nicht und dachte wenig.

Als die Lage frei war, nahm er den Band auf die Knie und schlug ihn an der Stelle auf, an der die Notiz stand.

Sie war noch da. Bleistift, weicher Druck, quer am Rand: Sie werden morgen fragen, ob es sich lohnt. Es lohnt sich nicht. Sie werden es trotzdem tun.

Darunter stand ein Satz mehr.

Hat er es gewußt?

Er las ihn zweimal. Das A war oben ohne Vorstrich angesetzt, wie er das A ansetzte; das m hatte drei Bögen und danach einen vierten Strich, den er nie wegbekam; und die Zeile lief nach rechts ein wenig aus dem Rand, weil er ohne Lineal schrieb.

Dann saß er da. Der Bleistift war noch in seiner Hand, obwohl er ihn nicht gebraucht hatte. Er legte ihn hin, und nahm ihn wieder, und legte ihn hin. Unten fuhr ein Wagen durch das Wasser. Er sah aus dem Fenster und dann auf die Seite zurück; die Zeile stand da, unverändert. Einmal dachte er, er habe sie vorher nicht gesehen, weil sie nicht dagewesen sei; dann dachte er, er habe sie nicht gesehen, weil er nicht nachgesehen habe. Beide Erklärungen lagen bereit.

Und während er dasaß und das Blatt ansah, das A ohne Vorstrich, das m mit dem vierten Strich, die Zeile, die aus dem Rand lief, als hätte nicht er sie geschrieben und als hätte doch kein anderer sie geschrieben, wurde ihm einen Augenblick lang schwindlig, und der Wagen war schon vorbei, und es war wieder nichts.

Er hielt die Seite gegen das Fenster und drehte sie, bis das Licht flach auffiel, und suchte die Rille. Mit Bleistift schreibt niemand ohne Rille, der mit Druck schreibt. Es gab keine. Die Zeile saß im Papier, als wäre sie hineingewachsen.

Er aß im Stehen, was er mitgebracht hatte. Weil er wissen wollte, wem die Bücher gehört hatten, ging er am Nachmittag die Regale durch, Brett für Brett, und suchte das Verzeichnis. Er fand es im dritten Regal von links, hinter einem Stapel Packpapier. Ein Quartband in braunem Halbleder, ohne Titel. Auf dem Vorsatz stand eine Zahl in Tinte, 12.841, darunter eine Zeile. Emil Vollhardt, Übersetzungen.

Er schlug ihn auf. Seiten und Seiten in vier Spalten: links die Nummer, dann der Verfasser, dann das Werk, dann die Sprache, aus der übersetzt worden war. In einer Hand, in einer Richtung, ohne ein Wort dazwischen. Kein Buch in diesem Haus trug den Namen Vollhardt; die fremden Werke standen in den Regalen, die deutschen Fassungen daneben, und die Übertragung dazwischen war nirgends. Der Mann hatte sein Leben lang übersetzt, und gedruckt worden war nichts.

Weiter hinten fand er eine Spalte, die anders lief. Die vierte war leer — nicht unausgefüllt, sondern leer gelassen, mit einem Strich. Bei diesen Einträgen stand nur die Nummer, sonst nichts. Einmal, zwischen zwei Zeilen, in kleinerer Schrift: Aufzeichnungen einer Überfahrt, 1874, aus dem Dänischen, und auch hier der Strich. Das Heft kannte er. Er hatte es vor zwei Wochen restauriert, das schmale mit dem grauen Einband, das erste Stück des Nachlasses, das Lea ihm geschickt hatte.

Er hielt den Daumen auf der Zeile. Er blätterte weiter, und der Strich kam wieder, auf der nächsten Seite einmal, auf der übernächsten zweimal.

Am Abend kam Lea.

Sie kam naß herein, mit einer Tüte, und blieb im Türrahmen stehen, den Mantel an. »Ich war beim Gericht«, sagte sie. »Die Schlüssel für das kleine Zimmer kommen am Donnerstag.« Sie sah an ihm vorbei auf den Tisch, wo die zwei Bände offen lagen. »Sie waren fleißig.«

»Zwei Kisten«, sagte August.

»Und das da?«

»Verzeichnisse.«

Sie fragte, ob sich das verkaufen lasse. Nein, sagte August, gelesene Bücher, in braunes Papier geschlagen. Die Kisten könne sie mitnehmen oder stehenlassen, wie sie wolle.

»Er hat die ganze Zeit daran gesessen«, sagte sie. »Immer an dem einen. Einmal hab ich gefragt, was er da schreibt. Da hat er gesagt, er gibt die Wörter zurück.«

Sie sah auf die nassen Fenster. »Halten die dicht?«

»Ja.«

»Gut.«

»Verstehen Sie ihn?«

August sah auf die Verzeichnisse und auf die leere Spalte. »Nein«, sagte er.

Lea legte die Hand auf den Band von 1920, flach, kurz, und nahm sie wieder weg. Dann nahm sie die Tüte und ging.

Es wurde dunkel. August machte Licht über dem Schreibtisch und schrieb für Lea eine Liste, mit dem abgekauten Bleistift, ohne Lineal. Zwei Zimmer, vierundzwanzig Regale, elf Kisten, drei davon aussortiert. Einundsechzig Bände mit Schäden, vier unrettbar, elf mit Stockflecken. Drittes Zimmer: verschlossen, Schlüssel folgt am Donnerstag.

Der Quartband lag neben der Lampe, aufgeschlagen, wo er ihn hingelegt hatte.

In die Liste kam er nicht.